Kolumne1|17

Da sein, vorm Wegsein

Juliane Uhl über Alter, Familienverantwortung und das Dasein vor dem Abschied.

3 minpp. 1919
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KolumneAlterFamilieSterben
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Da sein, vorm Wegsein

Da sein, vorm Wegsein

Von Juliane Uhl

Meine Großeltern sind alt. Meine Tochter findet, sie sind sehr alt. Die Probleme, die sich seit Jahren ankündigen, sind nun nicht mehr zu leugnen. Wir befinden uns an der Schwelle, an der man die Bescheidenheit ablegt. Sie nehmen nun Hilfe an, wir müssen uns nicht schonen, wir lassen einander zu. Von Juliane Uhl Seit einigen Wochen fahren wir nun schon nach Plan zu ihrem Haus und erledigen kleinere Arbeiten, die sie nicht mehr schaffen. Einkaufen, Kühlschrank reinigen, Lampen anbauen. Wir basteln an den erreichbaren Ecken. Doch langsam erkennen wir, dass alles zu eckig ist, dass das Leben in diesem Haus so nicht mehr lang möglich sein wird. Zu viele Schränke hängen zu hoch, die wichtigen Türen sind zu eng für den Rollator, zu weit ist der Weg vom Bett zum Sessel.

Die Logik des Wohnens hat sich verschoben, nichts passt mehr, nichts haut mehr hin und der Treppenlift ist auch schon wieder kaputt. Wir reden nun alle miteinander, über die beiden Alten, die wir versorgen, die wir vor dem Altersheim bewahren müssen. Wir reden noch viel zu wenig mit ihnen selbst darüber. Wenn ich sie frage, wie sie es sich vorstellen, im Idealfall, dann kommt die Bescheidenheit zurück: „Ein Umbau lohnt sich doch vielleicht nicht mehr, all der Aufwand, wegen uns, ach ich weiß nicht.“ Und dann will ich gern antworten: „Ob sich das lohnt? Das ist doch nicht die Frage. Es geht hier um euer Leben. Jede Minute ist es wert, so gut wie möglich zu sein. Das haben die Minuten verdient, das habt ihr verdient. Es geht hier doch wirklich um Leben, ja und auch um Tod.

Ihr sollt zu Hause sein, bis zum Schluss, hier sollt ihr leben, hier sollt ihr sterben. Wenn ihr das wollt. Es ist doch euer Leben, ihr seid doch noch da, es geht um euch.“ Wir streiten nun auch über die Aufgaben: Wer macht was? Wer macht mehr als die anderen? Ist der besser? Sind die anderen schlecht? Wer nimmt welche Abstriche in Kauf, um hier zu sein, statt dort, wo das Leben spielt, wo Job und die eigene Familie warten? Es geht ja auch um uns, uns junge Menschen. Verpassen wir die Zukunft, wenn wir die Vergangenheit pflegen? Unsere Kinder schauen uns zu, wenn wir die Kühlschränke putzen, sie spielen Karten mit den Alten, sie sind dabei. Sie lachen und bringen uns alle zum Leuchten. Es geht auch um die Kinder. Es geht um uns alle, denn es geht um Leben und Tod. .

Juliane Uhl, 36, Soziologin und Autorin, arbeitet in einem Krematorium und engagiert sich für die FUNUS Stiftung. Ihr Buch heißt "Drei Liter Tod" und erschien im August 2015. Uhl schreibt für die drunter&drüber – Das Magazin für Endlichkeitskultur und regelmäßig für die Columba. Juliane Uhl lebt und arbeitet in Halle (Saale), ist verheiratet und hat zwei kleine Töchter. Juliane Uhl

Über den Autor

Juliane Uhl

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Seiten 19–19

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