Palliative Mundpflege1|17

Der Mund – ein hochsensibler Pflegebereich

Hospizliche und palliative Mundpflege in der Betreuung Schwerkranker und Sterbender.

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Der Mund – ein hochsensibler Pflegebereich

Der Mund – ein hochsensibler Pflegebereich

Von Angelika Hecht

Ohne Zweifel gehört der Mund zu den sensibelsten Zonen unseres Körpers. So befinden sich im Mund- und Nasenbereich mehr als das 100fache an Sinneszellen wie auf der Rückenhaut. Mundpflege muss daher einen sehr hohen Stellenwert in der Betreuung und Pflege Schwerkranker und Sterbender genießen.

Der Pflegende hat sich bewusst zu werden, dass er während der Mundpflege in eine der intimsten Zonen eines Menschen eindringt. Allein diese innere Haltung wird ihn in die Lage versetzen, von dem zu Pflegenden heran- und hineingelassen zu werden. So wird die Mundpflege, wenn sie angemessen und sensibel durchgeführt und von Respekt getragen wird, besonders für Angehörige zu einem sehr persönlichen Liebesbeweis. Dieser wird mehr wiegen als die Zubereitung von jeglichem Essen.

Mundpflege kann zum Wichtigsten der letzten Lebensphase werden. Sie bereitet vor auf den „letzten großen Geschmack des Lebens“. Die Ursachen für die Mundtrockenheit in der letzten Lebensphase sind in der Regel nicht vorübergehender, sondern dauerhafter Natur. Neben einer erhöhten Anfälligkeit für Entzündungen der Mundschleimhaut und einer unangenehmen, ja sogar schmerzhaften Missempfindung verursacht sie vor allem ein Gefühl des Durstes.

Mundtrockenheit – Ursachen

Mundtrockenheit entsteht dabei nicht durch mangelnde Flüssigkeitszufuhr, sondern hat meist andere Ursachen:

  • Die verminderte Produktion von Speichel beispielsweise durch Medikamente wie Opioide, Antidepressiva, wassertreibende und krampflösende Mittel
  • Mundschleimhauterkrankungen wie Mundpilz und Schleimhautentzündung
  • Tumorbedingte Ursachen
  • Folge einer Strahlenbehandlung
  • Mundatmung
  • Psychische Ursachen wie Angst und Panik

Um der Mundtrockenheit vorzubeugen, bedarf es sorgfältiger und häufiger Mundpflege (1–2× in der Stunde). Häufig hilft bereits das Anfeuchten der Mundschleimhaut mit unterschiedlichen Flüssigkeiten, die je nach den Vorlieben des Patienten ausgewählt werden sollten. Viele Lebensmittel sind dazu einsetzbar. Entscheidend jedoch ist, was in Geschmack und Konsistenz dem Patienten angenehm ist!

Kreative Mittel zur Mundpflege

  • Medikamente haben oft eine Mundtrockenheit zur Folge; sie sollten nach Möglichkeit reduziert oder abgesetzt werden.
  • Kleine gefrorene Fruchtstückchen lutschen lassen, Eiswürfel aus Fruchtmus oder Getränken herstellen (z. B. Orangensaft, Apfelsaft, Bier, Wein, Sekt, Cola – je nach Vorlieben). Achtung: Bei wahrnehmungsgestörten Patienten das Gefrorene besser in eine Mullkompresse legen, ihm in den Mund geben und die Enden der Kompresse aus dem Mund hängenlassen. Der Patient kann daran saugen und ein Verschlucken wird verhindert!
  • Das Spülen mit Pfefferminzwasser erhöht die Speichelproduktion. Vorsicht: hemmt die Wirkung von Mitteln gegen Übelkeit und Erbrechen wie Paspertin/MCP.

Vermeidung von Mundtrockenheit und Durst

Welche Materialien sind brauchbar?

  • Schlagrahm, Olivenöl, süßes Mandelöl im Mund zergehen lassen
  • Mundspülungen mit lauwarmer Bouillon, da eine leicht gefettete Mundschleimhaut Feuchtigkeit besser speichern kann
  • Eiscreme oder halbgefrorenes Fruchteis lutschen
  • Häufiges Befeuchten des Mundraums mittels einer kleinen Sprühflasche mit Sekt, Bier, Saft o. ä.
  • Eine kleine Ecke Vitamin-C-Brausetablette auf die Zunge legen
  • Säuerliche Tees (Zitronen- oder Hagebuttentee, therapeutische Tees wie Salbei-, Kamille-, Ringelblumen-, Thymiantee)
  • Durch saure Bonbons wird bei der Lutschbewegung gleichzeitig der Speichelfluss angeregt und die Mundhöhle vom Belag gereinigt
  • Vorsicht bei wunder Mundschleimhaut!
  • Kaugummi kauen
  • Retsina (geharzter Wein) in kleinen Schlucken
  • Hydrogele, die für die Wundbehandlung eingesetzt werden, können auch zum Feuchthalten auf die Wundschleimhaut aufgetragen werden, was besonders über Nacht hilfreich ist
  • Zitronen-, Orangenöl zur Anregung des Speichelflusses in eine Aromalampe geben
  • Luftfeuchtigkeit im Raum durch Wasserdampf oder feuchte Handtücher erhöhen
  • Mundspeicheldrüsenmassage (hinter beiden Ohrläppchen mit kreisenden Bewegungen massieren)
  • Vermeidung von Sauerstoffgaben (Austrocknung)

Möglichkeiten zur Behandlung von Borken und Belägen

  • Spülen mit kohlensäurehaltigen Getränken wie Cola, Sekt, Mineralwasser, Limo o. ä.
  • Verdünnter Rosenhonig (enthält ein borkenlösendes Ferment)
  • Salbeitee, säuerliche Tees
  • Salami (deren Fett im Mundraum verstärkt den Geschmack und erinnert an glücklichere Lebenssituationen; sie kann eine Erhöhung der Lebensqualität mit sich bringen)
  • Butter, Margarine, Sahne, Öle – Achtung: kann ranzig werden!
  • Würfelzucker, Eiswürfel
  • Gefrorene Ananasstückchen, evtl. aus der Dose, da sie dann nicht so sauer und schmerzhaft sind bei offenen Wunden des Mundraums
  • Ahoi-Brause – Achtung: kann bei rissiger Schleimhaut schmerzhaft sein
  • Mechanische Reinigung mit weicher Zahnbürste

In der Sterbephase nimmt das Durstgefühl ab. Die Mundtrockenheit kann durch eine sehr sorgfältige Mund- und Lippenpflege gelindert werden. Der lindernde Effekt hält jedoch meist nur für eine Stunde an!

Mundraumentzündungen (painful mouth) belasten den Patienten generell sehr. Bei starken Schmerzen benötigt der Patient daher vor jedem Essen und Trinken, oder wenn erviel sprechen möchte (z. B. bei Besuchen), ein Schmerzmittel! Nicht selten ist die Gabe von Opioiden notwendig!

Behandlung von schmerzhafter Mundschleimhaut

  • Anästhesierende Lutschtabletten
  • Benzocain-Lösung (z. B. Subcutin-Lösung)
  • Reisschleim (aus Wasser oder Milch und Reisflocken)
  • Leinsamenwasser (3 Essl. Leinsamen in 1 l Wasser 5 Std. quellen lassen, dazu 1 Trpf. Zitronenöl)
  • Mundspülungen mit Salbei-, Thymian- oder Ringelblumentee
  • Salviathymol-Lösung, Mundwässer

Rezepte

Mundwässer

  • 25 ml Holundersaft
  • 5 ml Mineralwasser mit Kohlensäure
  • 25 ml Johannisbeernektar
  • 4 Trpf. Mandarinenöl rot – Bitte nur hochwertige reine ätherische Öle (z. B. von Primavera) verwenden!
  • 20 ml Kirschsaft
  • 20 ml Ananassaft
  • 5 ml Mineralwasser mit Kohlensäure
  • je 1 Trpf. Zitronenöl und Orangenöl

Mundpflegehonig

  • 28 g Honig (Einmalportion oder 1 Essl.) · 1 Trpf. Rosenöl · 1 Trpf. Grapefruitöl
  • 28 g Honig · 1 Trpf. Vanilleöl · 1 Trpf. Orangenöl
  • 28 g Honig · 1 Trpf. Pfefferminzöl (Nanaminze)

Lippenpflege

  • 2 Trpf. türkische Rose 10 % · 2 Trpf. Sanddornfruchtfleischöl · 1 Essl. Öl

Alternativ: Labello · Bepanthen Lippensalbe · Sonnenblumen-, Oliven-, Sesamöl

Mundspüllösung bei schmerzhafter Mundschleimhaut

  • 20 g Kamistad-Gel 2 % · 24 ml Adiclair Mundspüllösung · mit 0,5 l abgekochtem Wasser mischen · alle 24 Std. erneuern

Alternativ: 300 ml Kamistad Mundspüllösung mit 24 ml Adiclair Mundspüllösung mischen

Jeder kann seine ganz persönliche Zuwendung, Fürsorge und Liebe durch einfache, jedoch immer sehr ernst genommene, mit Respekt und Würde durchgeführte Handlungen zum Ausdruck bringen!

Angelika Hecht
57 Jahre, examinierte Altenpflegerin, Palliative-Care-Fachkraft SAPV-Team Fürth, Koordinatorin Hospizverein Fürth e.V.

Über den Autor

Angelika Hecht

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