Trauern zutrauen
Kinder in ihrer Trauer begleiten
Nicht nur unter Pädagogen ist es unumstritten, dass es Kindern hilft, Gelegenheit zu haben, offen über Tod und Trauer zu sprechen. Als Sozialpädagogin und Sterbe- und Trauerbegleiterin geht es in meinem beruflichen Alltag weniger um die Frage, ob ich mit Kindern über das sensible Thema spreche, sondern vielmehr darum, wie. Kindgerecht eben – das ist wichtig.
Unsere Kinder begegnen häufig dem Tod – im Alltag, in der Natur, aber auch in der Gemeinschaft, in Märchen, in den Medien. Sie spielen Cowboy und Indianer, sehen tote Tiere am Straßenrand und auch die Bestattungswagen. Über dieses besondere Auto sagte ein Junge kürzlich zu mir, das wäre „das Taxi für die Toten“. Eine so schöne Beschreibung in den eigenen und für alle verständlichen Worten eines 6-jährigen Jungen.
Nicht selten wollen wir Erwachsene die Kinder vor dieser Lebensthematik schützen. Doch genauall das Unausgesprochene, das Ungesehene führt bei Kindern häufig zu vielen Fantasien, die ängstigend sein können. In den Trauerbegleitungen und auch in den vielseitigen pädagogischen Projekten in Schulen und Kitas unterstütze ich Kinder, Eltern und Erzieherteams darin, einen offenen Umgang zu erlernen, um den Kindern dadurch viele Ängste zu nehmen und sie an ein vergängliches Leben in der Natur heranzuführen.
Je sicherer Kinder im Umgang mit den kleinen Abschieden im Alltag (Übergang von Kita in die Schule, Verabschiedungsrituale im Alltag, jahreszeitliche Projekte, Verabschiedung von Praktikanten etc.) werden, desto besser sind sie in ihrem Leben auf die großen Abschiede vorbereitet. Diese kleinen Abschiedsrituale im Alltag sind die Basis für eine spätere gute Trauerbewältigung.
Kinder sind sehr häufig spontan mit all ihren Fragen. So können mir so manche Vorschulkinder ganz wunderbar erklären, wie Raketen in den Himmel starten, wie das Korn zum Mehl wird, wie ein Gewitter entsteht oder wie das Wasser aus dem Wasserhahn kommt. Bei den kindlichen Vorstellungen über Sterben und Tod wird nicht selten abgewiegelt, obwohl Kinder auch hier ihre ganz eigenen Vorstellungen haben.
Der erste Trost, den wir Erwachsenen unseren Kindern gebenkönnen, ist: traurig sein zu dürfen. Trauernden Kindern das Trauern zuzutrauen ist wichtig. Und nicht selten wissen Kinder intuitiv sehr gut, was sie in der Trauersituation möchten und was nicht. Bauchgefühl.
Auch trauernde Kinder und Jugendliche haben Rechte: Es ist gut, wenn Kinder all ihre Fragen stellen dürfen. Denn trösten kann nur die Wahrheit. Sie brauchen also ehrliche Begleiter in ihrer Familie und ihrem Umkreis, die bereit sind, sich mit dem Tod auseinanderzusetzen. Habe ich auf die ein oder andere Frage keine Antwort, dann sage ich es auch direkt und ehrlich.
Zum Beispiel werde ich häufig gefragt, wie wohl die Seelen aussehen? Nun, da ich das nicht weiß, sage ich dies den Kindern und lade sie ein, sich ihre ganz eigenen Vorstellungen von den Seelen zu machen – und nicht selten malen wir diese auf: da gibt es bunte Seelen, schwarze Seelen und durchsichtige Seelen.
Du hast das Recht auf ehrliche Information, die im Zusammenhang mit dem Tod des Menschen stehen, um den du trauerst.
Anja Gehrke-Huy

