Trauerbegleitung4|16

Kinder- & Familientrauerbegleitung

Kinder sind wundervolle Lehrmeister: über Familien, Erinnerung und Begleitung in der Trauer.

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Kinder- & Familientrauerbegleitung

Kinder- & Familientrauerbegleitung

Von Martina Hosse-Dolega

Kinder sind wundervolle Lehrmeister. Mit offenen Augen, Ohren und Herzen nehmen sie achtsam wahr, was um sie herum geschieht. Sie erspüren deshalb sehr genau, wenn etwas nicht stimmt. Kinder sind sehr nah dran an den Schnittstellen des Lebens und verfügen übervielerlei Ressourcen und Kraftquellen. Ihr sehr gutes, stimmiges Bauchgefühl und ihr Herz zeigen ihnen ihren Weg. D as Wesentliche – insbesondere auch während der Trauerbeglei tungen – ist es, den Kindern Informati onen zu geben, sie teilhaben zu lassen. Eine große Verunsicherung und noch größere Selbstzweifel können entste hen, wenn Kinder die Situation erspüren, auf ihre Nachfragen jedoch keine zufriedenstellenden und glaubhaften Antworten erhalten (häufig bekommen sie die unbefriedigende Antwort, dass alles ok sei).

Kinder zweifeln dann an sich, ihren Gefühlen und an ihrer Wahrnehmung. Ihr Bauchgefühl, das – meiner Erfahrung nach bei Kindern jeden Alters – außergewöhnlich gut vorhanden ist, wird so verlernt. Die Kinder verlieren das Vertrauen in sich selbst. Darin liegt sicher auch die Ursa che, dass Erwachsene ihr Bauchgefühl allzu häufig missachten. Es ist also we sentlich, dass wir Kinder ihr Bauchge fühl achtsam wahrnehmen lassen und zuhören, was es ihnen sagt. Oftmals werden wir sehr kurzfristig kontak tiert. Dadurch bleibt manchmal nur sehr wenig Zeit (wenige Tage, Stunden). Einige Krankheitsverläufe und familiä re Konstellationen erfordern sofortiges Handeln, ja zwingen gerade dazu. Um in dieser kurzen Zeit die Begleitung ei ner Familie auf “stabilere Füße“ stellen zu können, ist in einigen Familien eine intensive Begleitung unumgänglich.

Die Anforderungen, die Krankheit und Sterben – ganzheitlich betrachtet – an die Kinder und ebenso auch an die Er wachsenen stellen, sind enorm. Durch unser Da-sein können wir in dieser Zeit zur Entlastung und Unterstützung beitragen. In der Kindertrauerbeglei tung liegt es an uns, sowohl die Kinder als auch die Familie zu stärken. Das tun wir, indem wir Informationen al tersentsprechend vermitteln und den Kindern (und Bezugspersonen) den erforderlichen Raum für ihre Gefühle und Gedanken gebensowie kreativen Ausdruck ermöglichen. So schaffen wir die Basis für ein Leben und eine Zu kunft, in der der Tod des Papas oder der Mama seinen Platz in der Erinnerung erhält, das Leben jedoch dennoch bunt, liebensund lebenswert erlebt werden kann.

Es gilt die Distanz der Kinder, bedingt durch die Erkrankung und die Veränderung der erkrankten Person (und durch das Einwirken des oftmals verunsicherten Umfelds), zu verrin gern. Wir richten unseren Blick auf die Beziehung, das Miteinander, das ge meinsam Erlebte, auf das evtl. noch zu Klärende, die schönen Erlebnisse, das Schaffen von Erinnerungen, auf das, was für das Kind und auch für die bald sterbende Mama oder den Papa von

Bedeutung ist. In Gesprächen und ins besondere während spielerischer Be schäftigung (an vertrauten Orten oder Lieblingsorten der Kinder) stellen die Kinder viele Fragen und erzählen von ihren Vorstellungen (so erklärte mir ein 7-jähriges Mädchen und ebenso ein 10-jähriger Junge bereits anschaulich das Leben und die Himmelswelt – ein wundervolles Geschenk). Während ei ner solchen Unterhaltung malen oder spielen die Kinder zeitweise, auch um sich zu entlasten und um die Situation besser aushalten zu können. Die Kin der und der geliebte erkrankte Fami lienangehörige sollten sich weiterhin sehen und fühlen können, sollten sich nah sein dürfen. Teilhaben zu können ist für Kinder von allergrößter Wich tigkeit, ebenso ehrliche, kindgerechte Information.

Kinder sollten die Möglichkeit erhalten, sich verabschieden zu dürfen (auch jüngere Kinder for dern das durchaus eindringlich und durchdacht ein). Wesentlich ist in die ser Situation eine gute Vorbereitung (u.a. auch der Umgebung – Kranken schwestern und - pfleger leisten hier oftmals Wunderbares). Dass Kinder zu Trauerfeier und Beerdigung mitgehen dürfen und in die Abschiedsgestaltung mit einbezogen werden, sollte unter stützt und begleitet werden! Hierzu gibt es ein breites Spektrum kindge rechter Möglichkeiten. WICHTIG: Bitte erkundigen Sie sich im Vorfeld, ob und welche Erfahrungen der Bestatter mit der Begleitung von Kindern und Fami lien hat! Nur so ist gewährleistet, dass das Kind und seine Familie achtsam begleitet werden!

So wie die letzte ge meinsame Zeit (ob Zuhause, im Kran kenhaus oder Hospiz) davon geprägt sein sollte, positive Bilder zu sammeln, um die Schatztruhe der Erinnerungen zu füllen, so ist auch die Trauerfeier / Beerdigung ein wesentlicher Ort, um genau dies zu ermöglichen. Eine Sensi bilität und Aufgeschlossenheit für die Themen Trauer und Tod zu erreichen, ist ebenso in Kindergärten und Schu len wesentlich. Oftmals erlebe ich eine große Unsicherheit im Umgang mit den trauernden Kindern, den Eltern und Bezugspersonen und dem Themenge biet Tod und Trauer, jedoch auch eine große Bereitschaft, sich damit zu be schäftigen. In diesen Fällen helfen wir u.a. Elternbriefe zu entwickeln bzw. El ternabende vorzubereiten. Trauer begegnet uns überall. Erwachsene und auch Kinder werden damit konfron tiert.

Trauer braucht Zeit, Raum, Ausdruck und ein verstehendes Gegenüber. Trauer ist eine Ressource, die uns befähigt und unterstützt, Abschiede, Tiefpunkte und Wandlungsphasen in unserem Leben zu überleben und zu durchleben. Als Trauer begleiterin, Entspannungs- & Gesundheitspädagogin liegen mir besonders Familien am Herzen. Trauerbegleitung Vergissmeinnicht ist meine Herzensarbeit.

Wenn wir einander mit dem Herzen zuhören, entwickelt sich Verstehen. Sich angenommen und gehört, eben verstanden zu fühlen, ist ein warmes und gutes Gefühl – für Kinder eben so, wie für Erwachsene. Die ungeteil te Aufmerksamkeit zu bekommen, ermöglicht es, sich auch auf emotiona lere Themen einlassen zu können. Im Palliativnetz Bochum e.V. unterstützt uns unter anderem unser Samson (gro ße Handpuppe), der als Freund und Zu hörer, als Vertrauter u.a. auch bei den Kindern zuhause bleibt und schwieri gere Zeiten begleitet. Neben Samson sind es aber auch Tiere (wunderbare Fellpfötchen) – die eigenen Haustie re, aber ebenso die zauberhaften Al pakas von Daniels kleiner Farm, die mit ihren wunderbaren Fähigkeiten die Herzenstüren der Kinder (und der Erwachsenen) öffnen. Darüber sind wir sehr glücklich.

Zu der Begleitung trauernder Kinder gehört für uns im Palliativnetz Bochum e.V. die Förde rung der Erinnerung an den geliebten Menschen, die Schaffung persönlicher Erinnerungen und eines persönlichen Erinnerungsstückes. Die MaPaPu (Ma maPapaPuppe), genäht aus LieblingsT-Shirts des geliebten Menschen, erleben wir als wirksamen Seelenfreund, als Unterstützung in der Trauer, als be-greifbare Erinnerung, als wunder voll und voller Wunder. Durch die Kindertrauerbegleitung des Palliativnetz Bochum e.V. ist es möglich, dass die Kinder mutig und gestärkt – mit Zuversicht und Hoffnung – in ihre Zukunft gehen. Und es sind genaudiese Kinder, die morgen die Er wachsenen unserer Gesellschaft sind. T rauerbegleitung ist eine wertvolle Unterstützung für trauernde Kin der und deren Familien.

Eine Herzens sache, die immer noch zu wenig Öf fentlichkeit und Unterstützung erfährt. In vielen Bereichen finanziert sich die Trauerbegleitung zu 100 % über Spen den. Grundsätzlich ist eine Verbesse rung der Finanzierung jedoch unum gänglich, denn Trauerbegleitung muss bezahlt werden und sollte u.a. auch von den Krankenkassen finanziert werden. Bereits im Kindergarten und in der Schule bieteen sich hervorra gende Möglichkeiten sich den Themen Tod und Trauer interessiert und ohne bestehende Akutsituation zu nähern. Denn auch Kinder werden in ihrem Umfeld immer wieder mit Trauer kon frontiert. Das muss nicht zwangsläufig der Tod eineslieben Menschen sein.

Die Unterstützung von Kindern, El tern, Familien und ganz besonders der Geschwisterkinder ist von unschätzba rem Wert – nicht nur im Hinblick auf eine Akutsituation, sondern auch im Hinblick auf das weitere Leben. Der Aufbau und die Unterstützung von entsprechenden Angeboten sollten und müssen weiter in den Fokus rücken! Einmal erkannt, lässt sich der Bedarf an trauerbegleitenden Angeboten nicht ausklammern, sondern weckt nicht selten den Wunsch, sich mehr zu engagieren. Auf diese Thematik auf merksam zu machen, ist mir ein Her zensanliegen, denn es ist an der Zeit, dass qualifizierte Trauerbegleitung Förderung durch Politik und Kranken kassen erhält. Trauerbegleitung ist auf achtsame Menschen, Förderer und Un terstützer angewiesen.

Ich freue mich, dass es Menschen gibt, die sich von Herzen engagieren, die sich Gedanken darüber machen, wie sie ihr Umfeld sensibilisieren können, die über ihre Erfahrungen sprechen und weitere Un terstützer begeistern. Ich bin dankbar, dass es Firmen gibt, die sich für Projek te einsetzen, die Kindern zugute kom men. Wir können Kindern durchaus viel zutrauen, ihnen Raum geben und wir können und sollten dafür Sorge tra gen, dass Kinder und deren Familien in allen Lebenssituationen auf unsere Unterstützung zählen können – das gilt auch und insbesondere für die Kinder trauerbegleitung! Hören wir zu, was die Kinder uns zu erzählen haben! Und trauen wir ihnen einiges zu! Dazu noch diese kleine Geschichte: Ein buddhistischer Mönch und ein kleines Mädchen gingen im Wald spazieren.

Sie blieben vor einem Baum stehen und das Mädchen fragte: "Lieber Mönch, sage mir, welche Farbe hat dieser Baum!" Und der Mönch antwortete: "Er hat die Farbe, die Du siehst." Trauernde Kinder

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Martina Hosse-Dolega

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Seiten 42–44

Kinder- und Familientrauerbegleitung – Gemeinsam trauern | COLUMBA