Kolumne4|16

Was bleibt von uns?

Eine Kolumne über Friedhofskultur, Erinnerung und die Frage, was von einem Leben bleibt.

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KolumneTodErinnerungBestattungskultur
Im PDF lesenSeiten 21–21
Was bleibt von uns?

Was bleibt von uns?

Neulich lief ich über den Friedhof und suchte das Grab eines Mannes, der in meiner Heimatstadt gelebt hatte, von dem aber eben nur noch dieses Grab existierte. Ich fragte mich, was wird von uns bleiben, von dieser Generation, der die ganze Welt offensteht und die ihre Orte verloren hat?

Von Juliane Uhl

Auf unserem Friedhof breitet sich die so genannte Grüne Wiese immer wei ter aus. Gäbe es nicht die paar welken Rosen in den typischen Friedhofsvasen, würde man nicht erkennen, dass es sich um eine Grabfläche handelt. Nicht einmal die Namen der Verstorbenen ha ben hier einen Platz gefunden. Zu teu er, spielt keine Rolle, kommt eh keiner! Während die klassische Bestattungs kultur des letzten Jahrhunderts der Persönlichkeit des Menschen ein Denkmal gesetzt hat, manifestie ren wir mit dem anonymen Grab das Nichts.

Da ist einfach nichts mehr. Im mer mehr Tote werden eingeäschert und immer mehr Friedhöfe verlan gen sich-zersetzende Urnen. Es bleibt also nicht einmal die Option darauf, in einigen Jahrhunderten zu einem archäologischen Fund zu werden. Auf der Suche nach dem Grab des Zitherspielers, für das niemand mehr zahlt, das aber freiwillig vom Fried hofspersonal gepflegt wird, geheich an einer frischen Grube für eine Erd bestattung vorbei. Diese dunkle Stelle im Boden zieht mich an und ich star re in das menschengroße Loch. Es ist so düster da unten, eng und so end gültig. Ich frage mich: Was soll von mir bleiben, nachdem mein Körper in solch einem Loch verschwunden ist?

Ich will, dass aus meinem Leben Sinn für andere Leben entsteht – indem ich mein Wissen und meine Erfahrungen teile, indem ich die Welt ein bisschen besser mache (denn das hat sie drin gend nötig). Doch um diesen Sinn zu erschaffen, muss ich mehr tun, als einfach nur da sein. Ich bin meinen Kindern verpflichtet und der Gemein schaft, in der ich lebe. Seit ich mich jedoch fast täglich mit dem Tod beschäftige, ist mir vor allem auch mein Leben wichtiger geworden. Ich glaube, die Angst vor dem Tod ist oft auch die Angst vor den eigenen Möglichkeiten, die Angst, nie richtig gelebt zu haben. Nicht verwunderlich in einer Zeit, in der wir all die schönen Dinge auf später schieben.

Und während ich vor diesem Grab stehe, wird mir klar, dass ich am Ende meines Lebens frei sein möchte – frei von den Erwartungen anderer und frei von Erwartungen, die ich an mich selbst habe. Zur dieser Freiheit komme ich nur, indem ich mich von dem löse, was mir andere über Prioritäten sagen. Ich glaube, den Samen für ein gutes Leben, für ein menschliches Zusam menleben, trage ich in mir, trägt jeder in sich. Jedoch fällt es oft schwer, sich vom Druck des Alltags zu lösen und auf sich selbst zu hören. Ja, am Ende möchte ich MEIN Leben gelebt haben und durch dieses Leben Einsichten hin terlassen können, die andere Menschen zum Denken und Fühlen anregen. Ich schreibe diese Kolumne mit Sorge, denn die Spannungen der Welt sind inzwischen auch bei uns angekom men. Diese Zeit fordert jeden einzel nen von uns auf, Mensch zu sein und zu bleiben.

Aus diesem Grund hoffe ich, dass wir alle wieder lernen, auf unsere innere Stimme zu hören und unser Leben in Gemeinschaft zu leben. Juliane Uhl, 36, Soziologin und Autorin, arbeitet in einem Krematorium und engagiert sich für die FUNUS Stiftung. Ihr Buch heißt "Drei Liter Tod" und erschien im August 2015. Uhl schreibt für die drunter&drüber – Das Magazin für Endlichkeitskultur und regelmäßig für die Columba. Juliane Uhl lebt und arbeitet in Halle (Saale), ist verheiratet und hat zwei kleine Töchter. Juliane Uhl Was bleibt von uns?

Über den Autor

Juliane Uhl

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Die vierte und letzte Ausgabe von COLUMBA 2016 widmet sich dem Annehmen und Hoffen am Lebensende, der Debatte um aktive Sterbehilfe, Übertherapie, Ritualen in der Begleitung Schwerstkranker, Akupressur in der Palliativversorgung und der Kinder- und Familientrauerbegleitung.

Seiten 21–21