Was wissen wir schon, was können wir schon?
Gestern Abend saß ich mit 15 fremden Menschen in einem großen Garten am Rande der Stadt unter einem Kirschbaum. Die Sonne blendete mich und brannte sich in meine Haut, Hochsommergefühle. Die Männer und Frauen des Kirchenkreises waren alle um die 60 Jahre alt und ich mit meinen 35 Jahren, atheistisch, wenn überhaupt, war als Todesexpertin eingeladen. Sie sahen mich fragend an, scheu, misstrauisch. Was sollte ich diesen gestandenen Menschen denn schon vom Tod, geschweige denn vom Leben erzählen können?
Ich habe aus meinem Buch gelesen, habe die Gäste mitgenommen, um dem Tod zu begegnen, um mich zu begleiten bei dem, was ich gesehen habe. Am Anfang wurde gestritten, weil sie andere Erfahrungen gemacht hatten. Als ich erzählte, dass meine Schwiegermutter in dem Moment gestorben ist, in dem sie endlich einmal allein war, nickten einige Damen. Das kannten sie von ihren Angehörigen oder aus ihrem Beruf. Doch eine Frau war empört, wie man sagen könne, dass Menschen allein sterben wollen. Ihre Mutter hatte ihr die Hand bis zum Ende gedrückt und auf sie reagiert. Eine andere Frau erzählte von ihrem Schwiegervater, der ebenfalls bis zum letzten Atemzug mit ihr in Kontakt stand.
Es gibt kein richtig oder falsch, wenn es um das Sterben geht. Jeder lebt individuell, jeder stirbt individuell. Und bis zum Ende bleiben Beziehungen bestehen. Meine Schwiegermutter ist vielleicht in diesem Moment gegangen, weil sie keine Rücksicht mehr nehmen musste, auf uns und auf ihren Mann, der während ihres Sterbens sein Leid zum Mittelpunkt unseres Lebens gemacht hatte. Und ein anderer, der auf den Tod wartet, kann das vielleicht mit jemandem zusammen tun, kann sich ruhig einlassen auf diesen natürlichen Weg des Lebens.
Jeder stirbt seinen eigenen Tod. Genau aus diesem Grund ist es so schwer, Definitionen für ein gutes Sterben festzulegen. Am Ende gibt es nur noch Einzelfälle. Und wir können niemanden mehr befragen, können nicht empirisch erheben, wie es sich am besten anfühlt für die Sterbenden. Wir können nur empathisch begleiten, zuhören, wenn es etwas zu sagen gibt, da sein, Raum füllen, spüren und die Dinge laufenlassen.
Der Pfarrer der Gemeinde dachte im Laufe der Lesung viel darüber nach, ob richtig ist, was er tut. Er hat im Theologiestudium gelernt, dass er als Pfarrer Sterbende begleiten soll, damit sie getröstet die Welt verlassen. Nun wollte er von mir wissen, ob ich glaube, dass Menschen Trost am Ende suchen.
Ich kann mir vorstellen, dass Menschen, die immer Trost und Beistand gesucht haben, die sich in Vertrauen betten wollten, dies auch im Sterben benötigen. Wenn der Glaube eine Rolle im Leben gespielt hat, wird er das auch bis zum Ende tun. Ich denke jedoch nicht, dass ein sterbender Mensch grundsätzlich Trost braucht. Sterben ist etwas Natürliches, und ich glaube, dass es ein ruhiger Prozess ist, der einen Menschen langsam vom Leben entfernt, das Außen vom Innen trennt.
Wenn man diesen Weg in Ruhe gehen kann, ohne von institutionellen Abläufen gestört zu werden, braucht man vielleicht gar keinen Trost. Denn vielleicht spürt man am Ende, dass alles richtig ist, so wie es ist.
Juliane Uhl ist Soziologin und Autorin, arbeitet in einem Krematorium und engagiert sich für die FUNUS Stiftung. Ihr Buch heißt "Drei Liter Tod".

