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Wenn Kinderbücher vom Tod erzählen

Susanne Beck über Bilderbücher zu Trauer, Sterben und Tod, ihre wissenschaftliche Arbeit und persönliche Erfahrungen.

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Wenn Kinderbücher vom Tod erzählen

Trauer, Sterben und Tod — sanfte Bilder, possierliche Tierchen, bunte Farben. Passt das zusammen?

Ist das angemessen? Sinnvoll, gar notwendig? Die Germanistin Susanne Beck ist diesen und vielen anderen Fragen nachgegangen und hat sowohl wissenschaftliche als auch sehr emotionale Antworten gefunden.

Yvonne Dauer im Gespräch mit Susanne Beck „Der letzte Abschied ist bunt“ – In Ihrer Magisterarbeit haben Sie sich intensiv mit Bilderbüchern auseinandergesetzt, die sich um die Themen Trauer, Sterben und Tod drehen.

Welche Vorteile hat dieses Medium? Das Medium Bilderbuch hat viele Vorteile, die vor allem für kleinere Kinder, aber nicht nur für diese, sondern letztlich für alle Altersgruppen von Bedeutung sind. Grundsätzlich ist zu beachten, dass Kinder heute mehr und mehr ihr Weltwissen aus Medien beziehen, da in vielen Lebensbereichen die unmittelbaren Erfahrungen weggefallen sind. Dies gilt besonders für die Berührung mit dem Tod. Deshalb spielt die Wahl eines Mediums aufgrund seiner Wirkmacht mehr denn je eine Rolle. Die ästhetische Struktur des Bilderbuchs ermöglicht es den Kindern, in Phantasieräume einzutauchen. Dies hilft, eine differenzierte Vorstellung von der Welt zu entwickeln.

Beim Blättern im Bilderbuch kommt es nicht zu schnellen Bildfolgen, die überfordern können sondern das Kind kann so lange verweilen wie es möchte und in der ihm eigenen Geschwindigkeit vor- oder zurückblättern und so die Informationen auf sich wirkenlassen. Das Medium lässt sich also viel stärker auf die kindliche Sichtweise ein, als zum Beispiel Film oder Videospiel. Zudem birgt es eine weitere Wahrnehmungsdimension in sich: Es wird nicht nur mit den Augen (Bilder betrachten) und den Ohren (beim Vorlesen zuhören), sondern auch haptisch wahrgenommen. Experten sprechen von emotionalen, sozialen und ästhetischen Erfahrungen, die das Bilderbuch, vor allem auch durch das Vorlesen ermöglicht. Sind die Faktoren Vorlesen und Begleitung durch Erwachsene unabdingbar oder sollten sich Kinder auch alleine mit diesen Büchern beschäftigen?

Grundsätzlich können Kinder Bilderbücher gut alleine zu Hand nehmen, sich mit ihnen zurückziehen und darin eintauchen. Bei sensiblen Themen wie Geburt, Tod oder jede Art von Verlust ist die Einführung in das Thema und die Begleitung durch einen Erwachsenen aber von sehr großer Bedeutung, um die Inhalte gut zu bewältigen. Besonders dann, wenn ein Kind von dem Verlust unmittelbar betroffen ist. Der Kontext ist also bei der Beantwortung dieser Frage immer zu berücksichtigen. Ein Kind, das (gerade) den Vater oder die Großmutter verloren hat, braucht eine intensivere und somit ganz andere Begleitung als Kinder in der Kindergartengruppe. Diese behandeln das Thema vielleicht, weil im Garten ein toter Vogel gefunden wurde und die Kinder nun wissen möchten, was mit ihm geschehen ist und wie es mit ihm weitergeht.

Es heißt ja, Kinder haben einen viel natürlicheren Zugang zum Thema Tod. Wo können Erwachsene hier vielleicht von den Kindern lernen? Der unbedarfte Umgang von Kindern mit der Thematik liegt in ihrer geringeren Welterfahrung begründet. Kinder sind ganz offen für alles, das sie noch nicht kennen und gehen deshalb erst mal neugierig damit um. Gerade im Umgang mit trauernden Kindern ist es wichtig zu bedenken, dass die Kinder das in sich aufnehmen, was die Bezugspersonen (oder die Vorbilder) vorleben und somit bewusst und unbewusst nach außen hin zeigen.

Ein Beispiel: In einer Kultur, in welcher der Abschied von einem Sterbenden und sein Tod im privaten Umfeld ganz natürlich vollzogen werden, in welchem das Kind die Begegnung mit Alterungsprozessen hat und auch das Prozedere und die Ritualen nach dem Sterben miterlebt, vielleicht sogar einbezogen wird, und in welcher die Eltern keine unnatürliche Scheu haben, bietet für ein Kind die Möglichkeit, sich an diesem Umgang mit Alter, Sterben und Tod hilfreich zu orientieren. Ein Buch, das dies sehr schön aufzeigt ist „Eine Kiste für Opa“: Hier sucht der Enkel vor dem Tod mit dem Großvater den Sarg aus. Ein afrikanischer Brauch, der dabei auch Leben und Charakter des alten Menschen reflektiert. Anders verhält es sich, wenn alle diese Erfahrungen fehlen.

Zum Vergleich: Bei der plötzlichen Konfrontation mit dem Tod in einem Umfeld, in dem der Tod nie Bestandteil des Alltags war, in welchem die Hinterbliebenen mit einer nicht gekannten Wucht in die Trauer und viele offene Fragen und Entscheidungen rund um den Ablauf (z.B. der Bestattung) gerissen werden, ist eine bewusste Rückbesinnung auf die mögliche Unbedarftheit des Kindes, welches das alles miterlebt, um als Erwachsener direkt daraus zu lernen und einen anderen Umgang daraus zu gestalten eher nicht denkbar. Ich denke, es ist entscheidend, dass wir also wieder ganz allgemein die Natürlichkeit des Alterungsprozesses, des Sterbens und des Todes wie auch das Zulassen des Trauerprozesses lernen. Gerade das Anliegen des Palliativ-Portals zeigt ja, wie sehr der Bedarf nach Antworten auf diese Fragen gewachsen ist.

Ist es dementsprechend sinnvoll, die Kinder schon vor einer konkreten Trauer-Situation mit solchen Themen in Berührung zu bringen, also ein solches Buch einfach mal ‘zwischendurch‘ gemeinsam zu entdecken? Die einschlägige Literatur stimmt dieser Frage eindeutig zu und begründet dies mit dem Hinweis, dass die Vorbereitung auf die Konfrontation mit dem Tod zur Erziehung gehören sollte. Es gibt kein Leben ohne Verlusterfahrungen und Trauer. Und da (Bilder-)Bücher bei der Lösung aktueller oder verdeckter psychischer und sozialer Probleme und bei Angstbewältigung eine Hilfestellung bieten können, ist dies durchaus sinnvoll. Von entscheidender Bedeutung ist aber immer die jeweilige Situation des Kindes und deshalb ist es Aufgabe des Erwachsenen, das Heranführen an das Thema sensibel zu gestalten.

Ein kleines Kind hat noch kein Todeskonzept entwickelt und muss erst im Laufe seiner Sozialisation lernen, dass das Leben verletzlich und endlich ist, dass Menschen „für immer“ gehenkönnen, dass Körper sterben, zerfallen und Teil eines Kreislaufs sind (Die Bilderbücher „Sarah und die Blätter“ und „Opas Reise zu den Sternen“ thematisieren dies sehr liebevoll) und daraus der unbegreifliche Wert des Lebens besteht. Es gibt Unmengen an Bilderbüchern hierzu — Sind Ihnen im Laufe Ihrer Recherche auch Bücher begegnet, die Ihrer Meinung nach ungeeignet sind? Klischeebehaftet oder veraltet? Natürlich gibt es auch Bücher, die wir aus unserem Blickwinkel als Erwachsene als klischeehaft bezeichnen würden. Das heißt aber nicht, dass sie gerade für ein Kind in einer schwierigen Situation nicht eine wichtige Botschaft beinhalten können.

Letztendlich können wir nicht in die Kinder hineinsehen. Wir als Erwachsene bevorzugen oft künstlerische Bilderbücher. Das ist aufgrund unseres ästhetischen Verständnisses gut nachvollziehbar und diese sind für Kinder auch wichtig. Gut wäre es, wenn das Kind beim Erstkontakt mit auswählen könnte. Aber auch hier sind die Gesamtsituation und das Vorgehen des Erwachsenen einzubeziehen. Veraltet und gänzlich überholt scheinen mir die Bilderbücher zu sein, die gegen Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts als Straf- und Warngeschichten den Kindern Angst machen sollten. Diese vermitteln die Botschaft, dass bei Fehlverhalten (z.B. Ungehorsam) der eigene Tod folgt oder beschreiben und glorifizieren einen sogenannten ‚Heldentod‘ (z.B. eines Soldaten).

Gab es in den letzten Jahren eine auffällige Entwicklung bezüglich Inhalt, Stil oder auch Illustration? Grundsätzlich ist eine Tendenz zu computergestützter Grafik festzustellen (z.B.: „Gehört das so??! Die Geschichte von Elvis“). Inhaltlich ist das Angebot sehr breit gefächert. Kultur- und religionsübergreifende Thematisierungen, die sehr liebevoll gestaltet und erzählt sind („Tschüss, kleiner Piepsi“), gibt es auch bereits. Meist wird ein malerischer und warmer Stil bevorzugt. Beispiele hierfür, die auch für einen Erstkontakt geeignet sind: „Abschied von Opa Elefant“. Fotorealistisch gestaltet ist das Buch „Tante Lotti geht in den Himmel“ und zum Teil das von einem bekannten Krankenhausclown gestaltete Buch „Herr Wolke. Dorles Oma. Eine Geschichte für das Leben.“ Es gibt noch weitere Titel, die besonders hervor stechen.

Hierzu gehören: „Da spricht man nicht drüber.“ Wie Jakob den Suizid seines Vaters erlebt, „Kleiner Fuchs, großer Himmel“, „Für immer“ und „Ente, Tod und Tulpe“. Was macht diese für Sie besonders? „Da spricht man nicht drüber“ thematisiert den Suizid des Vaters, erzählt aus der Sicht des Sohnes, der zusammen mit seiner Mutter und Schwester zurückbleibt. Das Buch wurde von Experten aus Theologie, Pädagogik und Psychiatrie entwickelt und stellt die Thematik sehr spezifisch dar. Es ist das einzige der von mir analysierten Bücher, das auch die Thematik der lebenspraktischen (auch finanziellen) Einschränkungen erwähnt und auf die Gefühle eingeht, die durch Vorurteile und Ausgrenzungen der Menschen aufgrund des Suizids auf die Hinterbliebenen einstürzen. Das Buch klagt dabei nicht an. Es ist ehrlich.

„Für immer“ findet in hellen Illustrationen erklärende Bilder für die inneren Zustände eines trauernden Kindes. So fühlt sich Egon „als würde erfallen“ und „es hört nie auf“. Die beiden letzten Bücher sind künstlerisch gestaltet und religiös sowie philosophisch motiviert. „Kleiner Fuchs, großer Himmel“ geht auf sehr offene Weise mit der kindlichen Frage nach dem Aufenthaltsort des Großvaters (im Himmel) und nach „Gott“ um. Jedes Tier präsentiert dem kleinen Fuchs auf seine besorgten Fragen (hat der Großvater genug zu essen? usw.) einen anderen Gott und der kleine Fuchs lernt, dass jeder sich sein eigenes, ihm ähnliches Bild von dem einen göttlichen Wesen macht. Auf philosophische, aber in seiner Schlichtheit besonders eindrückliche Weise, beantwortet „Ente, Tod und Tulpe“ große Fragen des Lebens und des Sterbens.

Wir Leser begleiten eine Ente, die eines Tages vom Tod besucht wird, (der sich ein kleines Bisschen in sie zu verlieben scheint) sich mit ihm anfreundet und ihr Leben reflektiert. Wie in „Kleiner Fuchs, großer Himmel“ die großen Fragen nach Gott gestellt werden, kommen in „Ente, Tod und Tulpe“ große Fragen nach der Vergänglichkeit des Lebens und starke Symbole zum Zuge. Es gibt natürlich noch weitere Bücher die herausragen. Und für einen ersten Kontakt mit der Thematik sind Bücher empfehlenswert die liebevoll und warm gestaltet sind und deshalb keine Angst machen. (Beispiele: „Nie mehr Wolkengucken mit Opa“, „Ist Omi jetzt ein Engel?“ und „Abschied von Opa Elefant.“) Neben diesem wissenschaftlichen Interesse haben Sie auch einen sehr persönlichen Zugang zu diesem Thema… Ja, das ist richtig.

Mein Mann ist vor drei Jahren ganz plötzlich am sogenannten Sekundentod gestorben. Sein Herz hörte auf zu schlagen. Er war augenblicklich tot und alle Wiederbelebungsmaßnahmen waren vergeblich. Ich selbst habe zwei Kinder. Die große Tochter war damals 13 Jahre alt, die kleine zwei Jahre. Aufgrund dieser persönlichen Erfahrung war das Thema sehr naheliegend. Ich selbst bin jedoch nicht darauf gekommen, sondern meine Professorin schlug es mir vor. Zuerst war ich zugegeben etwas skeptisch und hatte Bedenken, ob ich der Thematik gewachsen bin. Ich sagte dann aber zu und durfte feststellen, dass die Lektüre der wissenschaftlichen Literatur mir selbst sehr viel Wissen zuführte und bei der Reflexion meines eigenen Trauerprozesses und dem der Kinder half. Im Nachhinein bin ich ihr dankbar für das Zutrauen, welches sie in mich und das Thema setzte.

Gab es eines der Bücher, in dem Sie sich wiederfinden konnten? Während der Recherche stieß ich auf Literatur zum Thema Verlust, die ein viel weiteres Feld betrachtet und es kam, im Rahmen eines Trauerseminars, zu einem Rückkoppelungsprozess an weitere Verluste aus der frühesten Kindheit. So wusste ich schon immer, dass ich nicht allein im Mutterleib, sondern ein Drilling war. Der Verlust der Geschwister in den ersten Schwangerschaftsmonaten (Ende der 70er Jahre wurde darüber nicht gesprochen, die Mütter waren alleine damit konfrontiert) wurde in der Trauer um meinen Mann plötzlich aufgebrochen. Ich erzähle das hier, weil der Tod allein oft nicht das einzige Thema ist, das in der Trauer verarbeitet werden muss. Bei näherem Hinsehen können mehrere Verlusterfahrungen an die Oberfläche kommen.

Sehr häufig werden auch andere Bereiche des Lebens massiv davon beeinflusst und der soziale Rahmen oder die finanzielle Seite sind nur zwei Beispiele. Das ganze bisherige Leben wird vollkommen in Frage gestellt. Das Familiensystem erfährt eine Verschiebung: Rollen, Erwartungen und Aufgaben verlagern sich. Die Herausforderungen für alle Beteiligten (wie auch für Großeltern, die Kinder oder Geschwister) sind enorm. Vor allem, wenn ein junger Mensch und noch dazu der Vater als Ernährer oder die Mutter als wichtigste Bezugsperson stirbt, sind die Auswirkungen mitunter von tragischem Umfang. Bilderbücher, die mich besonders berührten sind: „Eines Morgens war alles ganz anders.“ In diesem Buch wird die Hilflosigkeit der Mutter gegenüber der Tochter aufgrund des Trauerschocks sehr deutlich. Mir selbst ging es ähnlich.

Ich habe mit meinen Kindern später darüber gesprochen, dass ich nicht anders konnte und mich auch dafür entschuldigt. Denn wir sind Menschen. Unsere Kraft ist endlich. „Die Blumen der Engel“ thematisiert diesen Schock ebenso. Aber besonders aus Sicht des Kindes, das seine Schwester verliert. Die Hilflosigkeit des Mädchens, der Verlust der Sprache zeigt die massive psychische Erschütterung durch den Unfalltod in seinem ganzen Ausmaß. „Als Otto das Herz zum ersten Mal brach“ berührte mich deshalb so sehr, weil es eine sehr starke Liebe zwischen zwei Kindern zeigt, die durch den Tod des Mädchens ein physisches Ende findet. Mein Mann und ich waren einander in einer so starken Liebe verbunden, dass mir das Leben ohne ihn noch heute an manchen Tagen sehr schwer fällt. Ich habe gelernt was der Satz „Die Liebe ist stärker als der Tod“ bedeutet.

Diese Geschichte hat mich deshalb in meinem Innersten berührt. Ihre Arbeit diskutiert auch einige Theorien zu Trauermodellen — Wie haben Sie diese Theorien in der Realität des Alltags erlebt? Tatsächlich kann ich heute rückblickend selbst erlebte Gefühle in die Beschreibungen der verschiedenen Trauerphasen oder Stufen einordnen. Anfangs war da sowohl dieser starke innere Schock, zugleich aber ein sehr stark an den familiären Anforderungen und gesellschaftlichen Konventionen orientiertes Funktionieren (was zwar sehr viel Kraft kostete, aber auch stabilisierte). Es folgten Phasen des Nicht-wahrhaben-Wollens unterbrochen von Phasen sehr intensiver Wut und Qual. Noch heute, nach mehr als drei Jahren, gibt es Tage, die von sehr starker Sehnsucht geprägt sind.

Der erste Herbst und Winter nach dem Tod meines Mannes war von einer depressiven Phase gekennzeichnet. Meine Kinder gaben mir eine Aufgabe und meine Familie stütze mich sehr. Der Austausch mit anderen Betroffenen half mir, mir alles von der Seele zu reden. Es galt, den Verlust zu akzeptieren, sich dem Trauerschmerz hinzugeben, sich an das neue Leben ohne meinen Mann zu gewöhnen und Stück für Stück zu lernen, in neue Freundschaften zu investieren. Denn mit dem Verstorbenen gehen auch Verbindungen und das gesamte zwischenmenschliche Umfeld erfährt eine Verschiebung. Haben Sie in den verschiedenen Phasen der Trauer auch verschiedene Bücher begleitet oder gab es unabhängig davon ein oder mehrere ‚Lieblingsbücher‘?

Psychologische Lektüre und Lebenshilfebücher von Autoren die mir halfen waren: Roland Kachler, Robert Betz, Bernhard Jakoby, Elisabeth Kübler-Ross, Anita Moorjani und Bücher von Menschen mit ähnlichen Erfahrungen wie Barbara Pachl-Eberhard. Werden Bilderbücher Ihrer Erfahrung nach von Kindern gerneangenommen oder besteht vor allem zu Beginn eine gewisse Scheu vor der (bildlichen) Konfrontation? Umfangreiche Erfahrungen zu diesem Thema beschreibt Barbara Cramer, die in ihrer Praxis mit trauernden Kindern und dem Medium Bilderbuch gearbeitet hat. Meine kleine Tochter war grundsätzlich offen für eine gemeinsame Lektüre, zeigte aber auch, wenn sie etwas nicht verstand oder teilte mit, wenn sie etwas unangenehm fand.

Wichtig ist zu wissen, dass vor allem kleine Kinder eine starke Imaginationskraft haben und deshalb sowohl Bilder des Trostes wie auch düstere Bilder stark in ihnen nachwirken. Auch träumen Kinder sehr stark und vor allem im Kindergartenalter sind die erdachten Bilder und Gefährten ‚belebt‘. Ich habe deshalb nur Bücher gewählt, die ich nicht allzu schwierig fand. Wichtig war immer das begleitende Gespräch und gerade in Bezug auf Jenseitsvorstellungen das Gespräch über die naturwissenschaftlichen Vorgänge. Diese zu erläutern ist die Grundvoraussetzung für jedes weitere Darübersprechen und Verstehen. Gibt es Rituale, die an dieser Stelle hilfreich integriert werden könnten? Hilfreiche Rituale gibt es sehr viele und sie sind so individuell und vielfältig wie die Menschen selbst. Aber auch allgemeine Rituale haben ihre Berechtigung.

Ich selbst komme aus einem eher traditionell katholischen Umfeld. Wir haben ein ‚Seelenfenster‘ im Haus geöffnet, Totenwache bei Kreuz und Kerzenschein gehalten, haben alle gemeinsam gebetet, die Beerdigung besprochen und die notwendigen Entscheidungen getroffen. Da mein Mann sehr plötzlich starb, waren die Entscheidungen sehr schnell zu treffen und ich bin froh, dass die Beisetzung nicht direkt nach drei Tagen sondern erst mehr als eine Woche später stattfand. So war mehr Zeit, sich Gedanken zu machen. Der Weg zum Friedhof war der schwerste Gang meines Lebens. Das Zusammenkommen der vielen Menschen, die meinen Mann kannten und liebten, die gemeinsame Trauerkleidung und die bekannten Rituale und Symbole (Blumen, Musik, Gebete, Reden, Beileidsbekundungen) empfand ich, trotz der großen emotionalen Strapazen, als stabilisierend.

Auch in einem traditionellen Rahmen gibt es viele verschiedene Gestaltungsmöglichkeiten. Wichtig ist immer, dass die Angehörigen alles so gestalten, dass es ihnen hilft. Es gibt heute sehr schöne Hausbücher zu Ritualen und rund um die Fragen, die zu Sterben, Tod und Trauer entstehen. Ich selbst finde auch, dass man die Kinder in dem Maße, in welchem sie es wünschen, mit einbeziehen sollte. Meine Kinder haben Grabbeigaben gestaltet, Bilder gemalt und meine große Tochter hat sich sogar noch nach mir an den geöffneten Sarg getraut. Für mich war das nicht mehr möglich. Ich wollte meinen Mann so in Erinnerung behalten, wie er kurz nach dem Tod aussah: friedlich schlafend, ja sogar lächelnd. Die kleine Tochter habe ich nicht mit dem Körper ihres Vaters konfrontiert, weil sie einfach noch zu klein war. Ich denke, es war die richtige Entscheidung.

Sie war, wie gesagt, erst zwei Jahre alt. Ein Kind mit sechs oder acht Jahren ist wieder in einer anderen Situation. Deshalb sollte immer ganz individuell entschieden werden. Die Tatsache, dass wir sterben müssen, lässt uns Menschen auch auf kognitiver Ebene viele Gedanken entwerfen, die uns Angst machen. Inwiefern können Bilderbücher durch ihre Botschaften und die bildhafte Darstellung von Geschichten mitten aus dem Leben Angst reduzieren – bei Kindern UND bei Erwachsenen? Oft herrscht eine große Unwissenheit, unter den Kindern und unter den Erwachsenen, was aus einem Mangel an Erfahrung resultiert. Es gibt sehr liebevoll gestaltete Kinderbücher, die versuchen, diese Fragen zu beantworten. „Wie kommt der Opa in die kleine Urne?

Tim und Leila wollen es wissen“ und „Was kommt dann?“ Bereits die Titel zeigen an, dass hier Kinder Fragen beantwortet haben wollen. Die Darstellungen und Antworten sind in beiden Büchern kindgerecht gemacht. Trotz der Ehrlichkeit hat das zweite Buch auch eine humorvolle Seite. Unwissenheit und das Gefühl, mit seinen Fragen alleingelassen oder mit Beschwichtigungen abgespeist zu werden, ist für Kinder am schlimmsten. Dies zeigt das Buch „Papa, wo bist du?“ Hier irrt der Protagonist suchend umher, um seinen Vater zu finden, von dem ihm die Mutter sagte, ersei „von uns gegangen.“ „Wieso sollte Papa einfach so gehen?“, ist die berechtigte Frage des Jungen, dessen verzweifelte Suche in der Erlösung durch die Wahrheit und die Erkenntnis mündet, dass der Vater in seinem Herzen weiterlebt.

Das große Problem des „Was passiert nach dem Tod?“, oftmals auch abhängig von religiösen Prägungen—Welche Lösungsansätze werden hierfür geboten? Die Frage „Was passiert nach dem Tod?“ ist auf zwei Ebenen zu beantworten: Was passiert mit dem Körper, wohin kommt er, wie verändert er sich? Und was passiert mit uns? Wie geht es den Trauernden? Warum hat man die Gefühle, die man hat? Und auch: Gibt es ein Leben nach dem Tod? Wiedergeburt, Leben bei Gott ‚im Himmel‘, Weiterleben im Herzen der Hinterbliebenen, all diese Lösungsansätze bieten die Bücher an. Es ist also auch eine Frage der eigenen Glaubensvorstellung. Grundsätzlich muss hier noch einmal betont werden, dass Jenseitsvorstellungen erst nach der Erläuterung der natürlichen Vorgänge einzuführen und immer vom Entwicklungsstand des Kindes abhängig zu machen sind.

Was würden Sie Eltern, die eine Zeit des Abschieds und der Trauer durchleben, gerneraten? Allgemein kann man sagen, dass es wichtig ist, sich in seiner Trauer so anzunehmen wie man ist. Jedes Trauergefühl darf zugelassen werden. Ich selbst habe die Erfahrung gemacht, dass es hilfreicher ist, die Trauer zuzulassen als sie zu verdrängen. Was verdrängt wird, bricht sich irgendwann Bahn. Es hilft, sich bewusst zu machen, dass Trauer in Wellen oder Phasen kommt und dass niemals ein Außenstehender wirklich für uns entscheiden kann, was uns hilft und wir uns deshalb von wohlgemeinten Ratschlägen, die keine sind, nicht beirren lassen sollten. In Bezug auf die Kinder finde ich: Wichtig ist, dass man sich sehr viel Zeit zum Zusammensein und Kuscheln nimmt. Körperliche Nähe und Gespräche sind vor allem für die Kinder wichtig. Ob klein oder groß.

Und dann auch viele Auszeiten. Das heißt, Dinge zu tun, die einem wirklich gut tun. Erlauben Sie sich und den Kindern jedes Trauergefühl. Auch Wut, Anklagen oder Verzweiflung. Wundern Sie sich nicht über Momente, in denen Sie sich ruhig fühlen und nicht trauern. Die Seele braucht auch Trauerpausen. Auch dafür sollte man sich nicht schuldig fühlen. Ich habe in dieser Zeit intensiv gelesen, das Gespräch mit anderen Betroffenen gesucht und mir und den Kindern auch therapeutisch helfenlassen. Meine Familie und meine ‚wahren‘ Freunde waren und sind mein Netzwerk, in dem ich in mehrfachem Sinne ‚zu Hause‘ bin. Gemeinschaften empfinde ich daher als sehr wichtig. Auch um den Kindern zu ermöglichen, nicht immer mit dem trauernden Elternteil konfrontiert zu sein.

Die gegenseitige Unterstützung ist entlastend und wenn Kinder mehr als einen Ansprechpartner in der Trauerphase haben, kann das viel ausgleichen. Auch sollte man darauf achten, die Kinder in ihrer Rolle als Kinder zu belassen und ihnen, wo es geht, nicht zu viel Verantwortung zuzumuten. Wie in allen wichtigen Fragen des Lebens gilt auch hier, dass der „goldene Mittelweg“ wohl der beste ist.

Susanne Beck | Germanistin

Über den Autor

Yvonne Dauer

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COLUMBA ist das Magazin des Palliativ-Portals – vierteljährlich erscheinend, für Fachkräfte, Angehörige und alle, die sich mit Palliativmedizin, Hospizarbeit und Sterbebegleitung beschäftigen. Die erste Ausgabe widmet sich Kinderbüchern über Tod und Trauer, dem neuen Hospiz- und Palliativgesetz, ethischen Fallbesprechungen und dem Kinderpalliativzentrum München.

Seiten 6–13