Erfahrungsbericht2|17

Hypnose in der Palliativmedizin

Ein Erfahrungsbericht über Hypnose, innere Ressourcen und Begleitung am Lebensende.

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Hypnose in der Palliativmedizin

Hypnose in der Palliativmedizin

Von Klaus Ulbrich

Ein Palliativpatient mit schlechter Prognose kommt in die Praxis und fragt nach einer Hypnosebehandlung. Er wird darüber aufgeklärt, dass Hypnose kein Allheilmittel ist, insbesondere nicht bei einer fortgeschrittenen schweren Erkrankung wie in seinem Fall. Hypnose ist ein Verfahren, mit dem innerpsychische und körpereigene Ressourcen, über die jeder Mensch verfügt, aktiviert werden können. Anschließend bleibt abzuwarten, ob eine Veränderung eintritt. Nicht mehr und nicht weniger. Von Klaus Ulbrich

Er aber möchte Hypnose unbedingt einmal ausprobieren. Im Vorgespräch erfolgt eine vertiefte Rückschau auf das gelebte Leben. Kindheit, Eltern, Ehe, Kinder, Scheidung, Beruf, Freude und Enttäuschungen. Wir sprechen über Schuldfragen, Konditionierungen und kommen gemeinsam zu dem Schluss, dass es HEUTE keinen Sinn mehr macht vorwurfsvoll darüber nachzudenken, was alles hätte besser laufen können. Der Patient gehtleicht in Trance und besteht den Suggestibilitätstest. Er ist erstaunt und interessiert, will wissen, was Hypnose noch alles vermag. In Trance macht er Bekanntschaft mit seiner Einmaligkeit, dem FREI-SEIN, mit dem, was war, bevor ihm seine Lebenserfahrungen zusetzten, bevor er seine Schutzund Abwehrhaltungen und seine Überlebensstrategien entwickelte.

Es waren diese psychischen Mechanismen, die anstelle des ursprünglichen FREI-SEINs dafür sorgten, ein gefühltes inneres Gleichgewicht (Homöostase) aufrecht zu erhalten, erkläre ich ihm. Mit der Erkrankung ist dieses Gleichgewicht aus den Fugen geraten und mit den sekundären Abwehrmechanismen nicht mehr zu kitten. Das in Trance induzierte Gefühl von FREI-SEIN kommt ihm vor wie eine Erinnerung an eine längst vergessene Zeit, in der die Hingabe an das Leben, an das Sein, an „das, was als nächstes kommt“ frei von Verstandesleistungen erlebt wird: Eine Erinnerung ans Paradies. Wir arbeiten an diesem Ur-Zustand mit Metaphern, Bildern und Gefühlen – wir führen körperliche und seelische Reinigungsprozesse durch. Alte Glaubenssätze werden verabschiedet, Schuldfragen gelöst und innere Verträge geschlossen.

Sukzessive fühlt sich alles leichter an … und beginnt zu fließen. Eine Stunde später ist die Trance beendet. Nach der Dauer befragt, antwortet der Patient: "20 Minuten?", und kann kaum glauben, dass eine ganze Stunde vergangen ist. Dies nennt man Zeitregression: In Trance bestimmt die Gegenwart oder JETZT-Zeit das Geschehen und kein linearer Zeitenlauf. Der Patient fühlt sich „gelöst wie lange nicht mehr“. Wenige Tage später begann erwieder eine Chemotherapie. Vier Monate danach traf ich ihn wieder. Der Patient hatte an Gewicht zugelegt und eine gesunde Gesichtsfarbe. Er sagte, der Tumor habe sich verkapselt. Elf Monate nach der Behandlung verstarb der Mann und zwar sehr plötzlich. Kurz zuvorhatte erzusammen mit seinem Sohn eine Kreuzfahrt gemacht.

Ein Spruch von Cicely Saunders erscheint dazu passend: „Es geht nicht darum, dem Leben mehr Tage zu geben, sondern den Tagen mehr Leben.“ Im geschilderten Fall ist wohl beides geschehen. Drehund Angelpunkt der Individuations-Therapie1 ist FREI-SEIN. Ist der Pollenallergiker FREI, „verliert“ erseine Allergie. Ist der Phobiker FREI, „verliert“ erseine Angst. Bei einer tödlichen, potenziell unheilbaren Krankheit stehen andere Themen im Vordergrund. Oft geht es um die Aufarbeitung schmerzhafter Ereignisse, darum, Frieden zu finden oder Schuldfragen zu klären. FREI-SEIN vermittelt tiefen Frieden mit sich und dem eigenen Leben. FREI-SEIN bedeutet Akzeptanz und Integration, keine Verdrängung. Der Mensch ist mit sich und seiner Vergangenheit im Reinen.

Diese tiefgreifende Erfahrung, dieser Zustand, dieses Gefühl, wie auch immer man es bezeichnen möchte, schafft maximalen Raum für die Entfaltung aller persönlichen Ressourcen. Das erklärt, warum eine prognostizierte Überlebenszeit von Patienten manchmal überschritten wird. Wenn Menschen von wundersamen Heilungen an mystischen Stätten berichten, dann geschieht dies meiner Überzeugung nach deshalb, weil sie diese oder eine noch tiefere Erfahrung gemacht haben. 1 Quelle: www.psyheu.de/8933/individuations-therapie-gesundheit-psyche-freiheit-hypnose

Das Pflegepersonal reagiert skeptisch, will wissen, wer ich bin. Ich erkläre, dass ich vom seelsorgerischen Besuchsdienst (Palliativ/Hospiz) komme. Ich weise mich aus mit meiner Visitenkarte als HPP und mit dem Hinweis auf meine Vorsprache bei der Pflegedienstleitung heute früh. Der Pfleger bittet mich zu warten. Er möchte mich begleiten. Vor der Tür warnt er mich ...nicht zu erschrecken. Herr F. liegt in einer Windel halb zugedeckt im Bett, was seiner motorischen Unruhe geschuldet ist. Er hat münzgroße Schürfwunden am rechten Bein, die vermutlich vom Anschlagen an das Bettgitter herrühren. Herr F., ein kleiner, schlanker Mann, ist halbseitig gelähmt (rechte Seite), hat Krebs und ist zuckerkrank. Er wälzt sich beständig hin und her und schreit dabei in leiser bis mittlerer Lautstärke.

Sein Blick ist unklar, ich frage mich, ob er mich wahrnimmt. "Und was wollen Sie jetzt?", kommt die Frage des Pflegers. Ich ziehe meine Jacke aus und setze mich neben das Bett, der Pfleger geht. Ich spreche Herrn F. an und ersieht kurz in meine Richtung, dann wälzt er sich und schreit wieder. Ich spreche ihn immer wieder mit beruhigenden Worten an, nenne erst meinen Namen und dann weitere Namen von Personen aus seiner Stadt, die er kennen müsste. Plötzlich streckt ermirseine linke Hand für einen Moment entgegen. Ich nehme sie und merke, dass ihm der Kontakt gut tut. Aber erwälzt sich immer wieder und schreit. Der Pfleger schaut rein. "Ach, Sie sind ja noch da". Der Pfleger gehtwieder und Herr F. sucht immer wieder den Kontakt übermeine Hand. Ich gebe ca. 5 Minuten Suggestionen, die ihn über Zeitabschnitte von mehreren Sekunden beruhigen.

Ich gehe dazu über und streue "Reize", ein, um inhaltlichen Kontakt herzustellen. Herr F. reagiert mit einem starken Händedruck auf den Satz: "Wir aus X-Stadt müssen zusammenhalten!" Er richtet sich auf und sieht mich sekundenlang an, dann fällt erzurück, nimmt meine Hand und drückt sie fest auf seine Brust, ein Vorgang, der sich danach öfter wiederholt. Der Pfleger kommt rein, Abendessen: Ein Teller mit Brei. Der Pfleger richtet Herrn F. auf und füttert ihn mit einem Löffel, während ich ihn zum Schlucken ermuntere, ihn nach jedem Schlucken lobe und an der linken Schulter halte. Das klappt recht gut und ich sehe klar seine Zeichen, wenn er noch einen Löffel haben möchte. Der Pfleger geht und ich komme immer besser in kognitiven Kontakt mit Herrn F. Dreimal gibt er schwerverständliche, aber immerhin Worte von sich.

Ich meine verstanden zu haben, dass er wissen will, wo ich in X-Stadt wohne. Um es nicht zu verkomplizieren, sage ich "bei der Ratsapotheke", was offenbar ankommt. Ich schlage ihm vor, dass wir beidejetzt mal nicht reden oder rufen, sondern bewusst einund ausatmen, "weil dies so gut tut". Ich mache vor und zu meiner Freude, macht er es nach ...wobei er mich tüchtig anatmet, was ich (ungern) geschehen lasse. Er hört zu und ich gewinne immer mehr den Eindruck, dass er mich versteht. Die Atemübung wiederholen wir mehrmals und die Phasen der Ruhe werden länger, trotzdem wälzt er sich zwischendurch immer wieder. Ich bitte Herrn F., dass er sich - bis ich morgen wiederkomme - immer wieder mal auf seinen Atem konzentriert, "weil ihm das ja so gut tut". Ich will mich von ihm lösen, aber er hält mich fest bzw. greift nach mir.

Ich gebemehrmals wieder meine Hand, beruhige ihn immer wieder und verspreche ihm morgen wiederzukommen, verbunden mit dem Schlüsselsatz: "Wir aus X-Stadt müssen zusammenhalten!". Ohne Handkontakt bitte ich ihn dann die Augen zu schließen und ein wenig zu ruhen, so, wie er das früher immer nach dem Essen gemacht habe. Er schließt die Augen und ich gehe. Herr F. erkennt mich wieder. Im Vergleich zu gestern wirkt er viel ruhiger. Ich schaue nach seinen Beinen und korrigiere den Eintrag von gestern: Die Schürfwunden befinden sich am linken Bein im Kniebereich. Sie sind inzwischen rötlich verschorft. Dass Herr F. halbseitig gelähmt sein soll, diese Information habe ich vom Pfleger übernommen und gestern so als Notiz eingetragen. Heute sehe ich, Herr F. kann beide Beine zumindest bewegen. Der rechte Arm ist betroffen.

Herr F. fängt hörbar an zu atmen, so, wie wir es gestern geübt haben. Ich lobe ihn. Heute gehtalles viel schneller. Ich benutze wieder das Schlüsselsignal "Wir aus X-Stadt müssen zusammenhalten!" und seinerseits erfolgt eine positive Reaktion. Dann animiere ich ihn, sich an schöne Erlebnisse aus der Vergangenheit zu erinnern. Ich nehme das Familienbild vom Nachttisch, zeige es ihm und bemerke, wie schön es doch ist, so viele liebe Menschen bei sich zu haben, die ihn besuchen und immer an ihn denken. Danach spreche ich überseinen Namen und hebe das Wort "Frieden" hervor. Besuch am 15.10.2016 15:30 Uhr - 16:45 Uhr Besuch am 16.10.2017 14:30 Uhr - 15:30 Uhr Bernd F., 84 Jahre, Pflegeheim XY

Damit leite ich über zu seiner nächsten Aufgabe mit der Formel: "Tiefer Frieden erfüllt meine Seele." Ich wiederhole die Formel mehrmals und bitte Herrn F. in Gedanken mitzusprechen. Hierbei wird er vollkommen ruhig. Ich erwähne mehrmals, dass ich mich sehr darüber freue, wie gut er das macht. Beim Abschied will er mich nicht gehenlassen, greift wie gestern immer wieder nach meiner Hand. Ich verspreche ihm morgen wiederzukommen. Bis dahin soll er das Atmen fleißig weiter üben und sich dabei in Gedanken den Satz "Tiefer Frieden erfüllt meine Seele." aufsagen. Insbesondere wenn er Schmerzen hat. Ich zähle langsam von 10 herunter und wiederhole bei 0 mehrmals den Satz. Herr F. schließt die Augen bis auf einen schmalen Spalt. Ich streichle ihm über die Hand und verabschiede mich leise.

Ich treffe auf Tochter Frauke, die am Bett ihres Vaters sitzt. Sie begrüßt mich mit Namen. Die Familie wurde über meine Besuche informiert. Wir beschließen, im Zimmer nicht über Herrn F. zu sprechen. Sein Zustand ist augenscheinlich unverändert - zyklische Unruhe und Schreien. Das Bettgitter ist gepolstert, um neue Schürfwunden an den Beinen zu vermeiden. Herr F. erkennt mich wieder und ich lenke seine Aufmerksamkeit auf mich. Die Atemübung klappt prima. Auch auf Ansprache der Tochter reagiert er sofort. Kontakt ist in jedem Fall vorhanden. Bei der Suggestion "Tiefer Frieden erfüllt meine Seele." wird Herr F. wieder ruhig. Die Tochter spricht ihn auf seine früheren Hobbys an: Brieftauben, Garten, Singen und Kochen. Herr F. hat gern den Gottesdienst besucht. Die Tochter bittet mich zu einem Gespräch. Wir wählen eine Sitzgruppe auf dem Flur.

Sie berichtet, dass Herr F. seit gestern seinen Brei nicht essen kann. Er wird mit einem Gel ernährt. Gestern hat er das zweite Morphiumpflaster bekommen. Sie schildert in vielen Einzelheiten die Belastungen durch die schwere Erkrankung ihres Vaters, insbesondere seit dem Schlaganfall von vor zwei Jahren. Als wir zurückkehren, schläft Herr F. Beim Eintreffen warten die Töchter und zwei Enkeltöchter mit besorgter Miene auf dem Flur. Herr F. wird vom Heimpersonal versorgt. Die Heimleitung hatte die Töchter gerufen, weil sich sein Gesundheitszustand verschlechtert hat - Herr F. hat sich eine Lungenentzündung mit hohem Fieber zugezogen. Der Arzt war morgens gekommen und hat Herrn F. Zäpfchen gegen das Fieber und die Schmerzen verabreicht. Nach seiner vorläufigen Prognose werde Herr F. innerhalb von 24 Stunden versterben.

Beim Betreten des Zimmers sehe ich, dass der Haltegriff über dem Bett fehlt und die Polsterung der Bettumrandung weggenommen wurde. Herr F. atmet schwer. Auf Bitten der Töchter übernehme ich die aktive Rolle und setze mich auf den Stuhl in Blickrichtung von Herrn F. Ich nehme seine Hand und spüre das hohe Fieber. Herr F. ist schweißnass. Er reagiert auf meine Ansprache und wir beginnen mit der Konzentrationsübung auf den Atem. Dazu gebeich wieder die Suggestion „Tiefer Frieden erfüllt meine Seele.“. Beides beruhigt ihn. Herr F. reagiert deutlich, als seine Enkelin ihn liebevoll anspricht, und auch, als sich die beiden jungen Frauen später verabschieden. In der Folgezeit bis Mitternacht wechseln Phasen der Ruhe ab mit Phasen zunehmender Luftnot. Der Atem gehtschnell und flach, mit Raten von 50 bis 60 Atemzügen in der Minute.

Zwischendurch kommt es immerzu zu Atemnotanfällen mit Anspannungszuständen. Es gelingt mir mit beruhigenden Induktionen die Erstickungsanfälle abzuwenden und Herrn F. immer wieder in eine ruhige Atmung zurückzuführen. Eine große Attacke befällt ihn kurz vor Mitternacht und ich brauche mehrere Minuten, bis sich sein Organismus wieder beruhigt. Seine Augen sind dabei halb geöffnet. Er bekommt mit, was ich sage und befolgt alles …mit sichtbarer Wirkung. Gegen 01:45 Uhr ist Herr F. seit 20 Minuten durchgehend stabil. Ich verabschiede mich von den beiden Töchtern, die ihn über Nacht begleiten wollen. Herr F. ist um 4:50 Uhr ohne Atemnot friedlich eingeschlafen. In der Nacht hat es nach Auskunft der Töchter keine weiteren Erstickungsanfälle gegeben.

Besuch am 17.10.2016 14:20 Uhr - 16:45 Uhr Besuch am 19.10.2016 7:55 Uhr - 8:10 Uhr Besuch am 18/19.10.2016 19:20 Uhr - 1:45 Uhr Hypnotherapeut, Heilpraktiker für Psychotherapie www.ganzheitliche-hypnotherapie.de Klaus Ulbrich

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Klaus Ulbrich

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