Reflexion2|17

Sterben und Tod im ärztlichen Alltag

Beobachten und Zuhören am Krankenbett: Eindrücke aus Palliativmedizin und Hospizarbeit.

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Sterben und Tod im ärztlichen Alltag

Sterben und Tod im ärztlichen Alltag

Dem Thema des Wintersemesters 2016/17 „Sterben und Tod im ärztlichen Alltag – philosophische, kulturelle und medizinethische Implikationen“ möchte ich mich widmen und dabei ein individuelles Reflexionsfazit ziehen: Die eigentliche Kunst der Medizin, die tägliche Herausforderung, sie findet direkt am Patientenbett statt: Sie steht im andauernden Zwiegespräch mit dem individuellen Schicksal. Denn Intensität oder Fragilität fragen nicht, bevor sie den Raum betreten. Sie fordern vielmehr, zugelassen und ausgehalten zu werden. In Worte verpackt zu werden, die trösten. In ärztliche Handlungen, die helfen. In Gedanken, die Zuversicht rechtfertigen.

In Ergänzung zu Wiesings Forderung, es müsste „allein durch die Mitgliedschaft im Beruf gewährleistet sein, dass der Arzt ein bestimmtes Ethos für sich akzeptiert und realisiert“1, möchte ich mich selbst daran erinnern: Ich brauche mehr als ein abstraktes Berufsethos, um mich dem nicht zu trennenden Konglomerat aus ärztlicher Tätigkeit, Verantwortung und Moral zu verpflichten. Ich wünsche mir eine Haltung, der ich mir jeden Tag neu bewusst werden möchte – sei es durch ein Ritual in Form einer gründlichen Händedesinfektion vor Dienstbeginn oder sei es durch einen Gedanken beim Ankleiden des Kittels – und ich brauche einen Charakter, der beobachtend und willentlich geformt und gefestigt wurde.

Die folgenden beiden Situationen, wollen die Herausforderungen des Ärztealltags und die Konfrontation mit Themen des Lebensendes in ihrer Intensität und in ihrer Fragilität möglichst ganzheitlich begreifen: Diese Situationen sind bewusst gewählt, als wäre die eine der anderen vorgeschaltet; als zeige die eine, wie mühsam eine Atmosphäre, die die andere Situation schon durch äußere Umstände impliziert, erst geschaffen werden muss. Die zuerst erwähnte Patientin wird sich an etwas klammern, die Patientin in der anderen Umgebung wird sich neu akzentuieren. „In Zimmer 19 liegt Frau Bader, 42 Jahre, primäres Peritonealkarzinom, Erstdiagnose Oktober 2015, Rezidiv im Dezember vergangenen Jahres, aktuell Fieber unklarer Ursache unter Chemotherapie.“ Die Stationsärztin atmet einen kurzen Moment, aber für Unbeteiligte kaum merklich, tief ein.

„Frau Baders elfjähriger Sohn hat morgen Geburtstag.“ Ich klopfe und wir treten – den Visitenwagen vor uns herschiebend – ein. In Zimmer 19 erwartet uns eine magere und müde Familienmutter, die vor allem Beobachten und zuhören am Krankenbett Eindrücke aus Palliativmedizin und Hospizarbeit Die tägliche Herausforderung Sterben und Tod im ärztlichen Alltag Die eigentliche Kunst der Medizin, die tägliche Herausforderung, sie findet direkt am Patientenbett statt. Dort aber hört sie nicht auf, sie fordert vielmehr vor allem eines: Reflexion. Einen Raum für Reflexionen dieser Art, für ein „Weiter-“ und „Tiefer-“Denken bietet das Würzburger Philosophicum. Gemeinsam – interdisziplinär und generationenübergreifend – darf hier präsentiert, erörtert und diskutiert werden, was im Klinikalltag wenig Raum findet. Von Anna Maas

Anderen schnell nach Hause möchte. Nach einführenden Worten und einem kurzen Gespräch über die aktuelle Problematik setzt die Stationsärztin an: „Frau Bader, ich würde sehr gerne Ärztekollegen unseres Hauses hinzuziehen, mit ihnen gemeinsam Ihre Krankengeschichte aufarbeiten und das weitere Vorgehen besprechen. Die Ärzte, von denen ich spreche, sind erfahrener in Situationen wie der Ihren und mir würde es helfen, Sie besser unterstützen zu können.“ Die Patientin nickt zustimmend. „Ich spreche von Palliativmedizinern.“ Von einem auf den nächsten Moment verändert sich die Mimik der Patientin und sie lässt ein bestimmtes „Nein“ verlauten. Anstatt, wie ich enttäuscht zu sein, erwidert die Stationsärztin ruhig: „Bitte denken Sie noch einmal darüber nach.“ Lisa schaut träumend aus dem Fenster in den Erinnerungsgarten des Kinderhospizes.

Eine Verbannung der Todesthematik ist allein in Anbetracht des Ausblicks auf den Garten schlicht unmöglich, dennoch ist dieses Lebensende – das durfte ich hier lernen – weder omnipräsent noch auch nur dominant. Die Kinder kommen an diesen Ort, um den pflegenden Eltern und Geschwisterkindern ein paar Tage oder Wochen Entlastung zu verschaffen, sie kommen jedes Jahr wieder. Das entsprach zuvor nicht meiner Vorstellung von einem Hospiz. Vom anderen Ende des Raumes sehe ich den Bereitschaftsarzt auf Lisa zugehen und höre ihn fröhlich ein Gespräch beginnen. Wenig später lacht erherzlich. Beim Mittagessen schließlich setze ich mich zu Lisa und versuche eifrig, einen ebenso freudigen Dialog einzuleiten. Sie antwortet nicht. Ich verstumme irritiert und schaue ihr lange in die Augen.

Dann merke ich, dass Lisa über Augenblinzeln mit mir zu kommunizieren beginnt. Mir ist bewusst geworden: Gut bin ich nur dann, wenn ich zuerst frage, anstatt zu antworten, zuhöre, anstatt zu sprechen, beobachte, anstatt zu kategorisieren, überprüfe, anstatt hinzunehmen. Dann aber Antwort stehe, so weit es meinem Wissen entspricht, beruhige, so weit ich dadurch nicht inadäquater Hoffnung Raum gebe, tröste, so weit ich den Abstand wahre, der der Patientin und mir gut tut. Wenn ich genau die Mitte zwischen hemmendem Zweifel und überzogenem Selbstbewusstsein treffe. Ich desinfiziere meine Hände, ziehe mir den weißen Kittel an und beginne den Dienst mit einem Lächeln.

Über den Autor

Anna Maas

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Die zweite Ausgabe von COLUMBA 2017 beleuchtet Kinder- und Jugendhospizarbeit, Palliativmedizin als Spezialgebiet, Trauer als Fuehrungsaufgabe, das erste Urteil gegen Uebertherapie am Lebensende, Hypnose in der Palliativmedizin und das Sterben im aerztlichen Alltag.

Seiten 26–27

Sterben und Tod im aerztlichen Alltag - Zwischen Pflicht und Ohnmacht | COLUMBA