Farb- und Materialgestaltung3|17

Lebens- und Sterbensräume

Farb- und Materialgestaltung für Menschen in der Palliativmedizin.

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Lebens- und Sterbensräume

Lebens- und Sterbensräume

Von Eva Höschl

Aufgabe und Ziel von Palliative Care ist es, den Menschen eine ihrer Situation angepasste optimale Lebensqualität bis zum Ende des Lebens zu gewährleisten und die Angehörigen in dieser Zeit zu unterstützen. Eva Höschl beschäftigt sich beruflich und in zwei aufeinander folgenden Artikeln damit, wie Raumund Farbgestaltung in Verbindung mit einer „hausinternen Organisationsstruktur Palliative Care“ diese Wertschätzung in Altenheimen, Pflegeheimen und kurativen Stationen transportieren kann. Der erste davon fokussiert auf die Raumgestaltung durch Farbund Materialkonzepte. Lebensund Sterbensräume Farbund Materialgestaltung Von Eva Höschl für Menschen in der Palliativmedizin

Als sich meine Mutter im Jahr 2010 dazu entschloss, nach der Diagnose einer unheilbaren Krebserkrankung für ihre letzte Lebensphase in unsere Stadt zu ziehen, ahnte ich noch nicht, dass dies meinen beruflichen Weg entscheidend beeinflussen würde: Es ging erst einmal darum, eine geeignete Wohnung zu finden, den Umzug zu organisieren und die medizinischen und pflegerischen Grundstrukturen aufzubauen. Wir wollten ihr die verbleibende Lebenszeit so angenehm wie möglich machen. Nach kurzer Zeit war klar: Beruf, Familie, Begleitung und Pflege meiner Mutter waren auf Dauer nicht gleichzeitig machbar. Ich entschied mich dafür, eine berufliche Pause einzulegen - meine Selbstständigkeit ermöglichte diesen Schritt zeitnah. Die Prognose der Ärzte sprach vage von wenigen Monaten.

Eine chronische Entzündung konnte zudemjederzeit entgleisen und zum schnellen Tod meiner Mutter führen. Doch der Tod lässt sich nicht planen: Es verblieben uns gemeinsame eineinhalb Jahre - eine Zeit, die wir trotz der Belastung sehr genossen. Damals entstand etwas Wunderbares: Das Bewusstsein des nahen Todes veränderte etwas in unserem Umgang miteinander. Wir wurden zerbrechlicher, gleichzeitig jedoch auch offener, emotionaler, authentischer. Tage wurden kostbar, Schalen brachen auf, die Wahl der Worte wurde wesentlich. Im Rückblick bin ich froh und dankbar für diese ganz besondere Zeit. Zwei Jahre später verstarb mein Vater. Im Gegensatz zu meiner Mutter starb er nicht zu Hause, sondern auf der Palliativstation einer Klinik.

Obwohl wir auch hier gut begleitet und umsorgt waren, erkannte ich, welches Privileg meine Mutter gehabt hatte: Sie konnte als Schwerstkranke bis zuletzt zu Hause leben, in den von ihr gestalteten Räumen. Auch die Menschen wählte sie in dieser Zeit bewusst aus: Familienangehörige, Freunde, Bekannte, die Haushaltshilfe, den Physiotherapeuten, die Sterbebegleiterin, den Arzt. Das bedeutete für uns als Angehörige auch: Wir konnten uns in ihrem privaten Umfeld von ihr verabschieden. Und wir hatten nach ihrem Tod die Zeit, die wir uns dafür nehmen wollten. Es waren eineinhalb Tage - welch kostbares Geschenk! Laut einer Umfrage der Bertelsmann Stiftung vom Oktober wünschen sich 76 Prozent der Menschen in Deutschland, zu Hause zu sterben (https://www.bertelsmannstiftung. de/ /de/publikation/did/spotlight-gesundheit-1 0201 5/vom 08.06.2016).

Tatsächlich sterben dort gerade einmal 20 Prozent. 80 Prozent der Bevölkerung befinden sich zum Zeitpunkt ihres Todes in Kliniken, Altenheimen, Pflegeheimen oder Hospizen. Sterben findet also meist in Räumen statt, die nicht (oder nur teilweise) bewusst gewählt werden können, deren Gestaltung vorgegeben ist. Am Ende des Lebens, in der Zeit, in der jeder Tag kostbar wird, ist man dort von Menschen umgeben, die ebenfalls nicht frei gewählt werden können: von Ärzten, Pflegenden und anderen Berufsgruppen. Und die Tage unterliegen dort größtenteils festgelegten Strukturen und Abläufen. Wachsender Personalmangel in der Pflege und dicht gefüllte Tagesabläufe erhöhen die emotionale Belastung der Mitarbeiter: Eine angemessene Wertschätzung ihrer Arbeit wird dadurch noch wesentlicher.

Bedenkt man zudem die emotionale und kräftezehrende Belastung für die Schwerstkranken und deren Angehörige, stimmt dies nachdenklich. In der „Charta zur Betreuung schwerstkanker und sterbender Menschen in Deutschland" heißt es:,,Jeder Mensch hat ein Recht auf ein Sterben unter würdigen Bedingungen" (www. charta-zur-betreuung-sterbender.de/ diecharta_leitsaetze.html). Laut Duden versteht man unter Würde einen „Achtung gebietenden Wert, der einem Menschen innewohnt, und die ihm deswegen zukommende Bedeutung" (www.duden.de/rechtschreibung/Wuerde vom 04.05.2017). Blickt man in Altenund Pflegeheime und allgemein in kurative Stationen, ist die Dringlichkeit unübersehbar, an diesen Orten räumliche Gestaltung und Begleitung von Menschen zu optimieren.

Meine Vision ist es, nicht nur die Raumgestaltung an diesen Orten zu optimieren, sondern auch die Begleitung der schwerstkranken Menschen und ihrer Angehörigen in den Fokus zu rücken und damit ein Sterben unter würdigen Bedingungen zu ermöglichen. Diese Konstellation erlaubt einen Blick „über den Tellerrand hinaus": Raumgestaltung denkt gleichzeitig palliativ, Palliative Care denkt raumgestalterisch. Wesentlich ist dabei die Grundhaltung eines Hauses für beide genannte Bereiche, denn diese ist zu spüren: in der Qualität der Raumgestaltung und in einer qualitativ hochwertigen Versorgung, die sich an den Wünschen und Bedürfnissen der Bewohner/Patienten orientiert. Als Dipl.

Farbgestalterin und Fachkraft für Palliative Care ist dabei eine enge Zusammenarbeit mit allen Nutzergruppen vor Ort unabdingbar: mit den Mitarbeitern, mit den Bewohnern/Patienten und den Angehörigen gleichermaßen. Dipl. Farbgestalterin IACC, Dipl. Ing. (FH) Architektur, zert. Fachkraft Palliative Care, realisiert Farbund Materialkonzepte im Gesundheitswesen, bietet Konzepte für eine hausinterne Organisationsstruktur Palliative Care www.eva-hoeschl.de, evahoeschl.wordpress.com Eva Höschl

Umhüllende Räume schaffen Uü e de äu e sc a e Mit dem konzeptionellen Ansatz einer Farbund Materialgestaltung entstehen Räume, die optimale Bedingungen für alle Nutzer des Hauses schaffen. Die Qualität der Raumgestaltung, ihre Wirkung und die Atmosphäre eines Hauses tragen maßgeblich zum Wohlbefinden der Menschen bei, die sich dort aufhalten bzw. darin arbeiten. Wird die Raumatmosphäre positiv wahrgenommen, unterstützt sie zudem die jeweilige Funktion der Räume.

Dies führt zu folgenden Verbesserungen: die Räume werden unbewusst als angenehm und „stimmig" empfunden, die Arbeitsabläufe der Mitarbeiter werden unterstützt und es kann optimal gearbeitet werden eine bewusste Gestaltung der Sozialräume macht Pausen effektiver, da schneller Entspannung eintritt: Das Gehirn schaltet unbewusst in den Erholungsmodus. ein konzeptioneller Ansatz ermöglicht eine Umsetzung „Stück für Stück" - je nach finanziellem Budget. Gleichzeitig haben alle das gewünschte Ziel vor Augen. Ein Farbund Materialkonzept zu entwerfen, ist nur in enger Zusammenarbeit mit den einzelnen Nutzergruppen des Hauses sinnvoll: im Optimum mit der Leitung, den Mitarbeitern, den Bewohnern/Patienten und mit Angehörigen.

Dabei werden die Raumwirkungen der einzelnen Funktionsbereiche ohne größeren Zeitaufwand erfragt - unabhängig von persönlichen Farboder Materialvorlieben. Die Auswertung dieser Ergebnisse ist Grundlage für alle weiteren Gestaltungsüberlegungen. Dieser Ansatz hat zwei entscheidende Vorteile. Erstens: Alle Nutzer eines Hauses können sich einbringen. Es entsteht eine gemeinsame Gestaltung, ein Teilhabe-Gefühl und die Akzeptanz für räumliche Umgestaltungen wächst. Dies wird bei der Realisierung nach meiner Erfahrung sehr positiv wahrgenommen. Zweitens: Die Zusammenarbeit ermöglicht im Entstehungsprozess einen offenen Blick, da unterschiedliche Fachkompetenzen und Erfahrungen aus der Praxis mit berücksichtigt werden können: nämlich solche von Seiten der Pflege, der Medizin, der Bewohner/Patienten und der Angehörigen.

Mit Auszügen aus bereits realisierten Farbund Materialkonzepten möchte ich gerne veranschaulichen, wie vielschichtig sich durch dieses Vorgehen Themen und Ansätze in der gestalterischen Umsetzung fortsetzen und wie sie den räumlichen Gesamteindruck prägen.

Seniorenund Servicezentrum des BRK Neutraubling Palliativzimmer In Zusammenarbeit mit dem SAPVTeam palliamo aus Regensburg sollte im Seniorenund Servicezentrum des Bayerischen Roten Kreuzes Neutraubling ein Gymnastikraum des Hauses in ein Palliativzimmer umfunktioniert werden. Bestandsfußboden und vorhandenes Kunstlicht waren dabei aus Kostengründen zu integrieren. Dem Team lagen die Wahl des Patientenbettes und die Berücksichtigung der Hauptblickrichtung der Schwerstkranken an die Zimmerdecke besonders am Herzen. Um Raum für persönliches Mobiliar der künftigen Bewohner zur Verfügung zu stellen, wurden nur wenige Möbel geplant: eine ausziehbare Schlafcouch für Angehörige, ein schlichter Holztisch, der gedreht auch als Ablage dienen kann und ein Regal, das gleichzeitig als variabler Raumteiler fungieren sollte.

Das Regal besteht aus einem Grundgerüst und einschiebbaren Kisten. So lässt es sich - je nach Wunsch - geschlossen oder offen gestalten. Das Patientenbett sollte funktional und ansprechend zugleich sein. Ein Niederflurbett in freundlicher Farbgebung lässt sich komplett nach unten fahren. In der Nacht schützt eine zusätzliche Matratze, die bei Bedarf neben das Bett gelegt wird, den Bewohner vor dem Herausfallen. Bettgitter werden dadurch überflüssig. Ein hinterleuchtetes Segeltuch über dem Bett und eine dimmbare Lichtstele verändern die Lichtsituation des Raumes vollkommen: Die Bestandsbeleuchtung wird nicht mehr benötigt. Austauschbare Stoffbahnen mit Fotomotiven aus der Natur ermöglichen Blickvariationen für den Bewohner in Richtung Zimmerdecke. Die erste Bewohnerin, eine leidenschaftliche Gärtnerin, wählte das erste Motiv (siehe Foto).

Wartebereich der Leitstelle II im Krankenhaus der Barmherzigen Brüder Regensburg Fotos: altrofoto.de Fotos: altrofoto.de

Die Aufgabe im Krankenhaus der Barmherzigen Brüder bestand darin, gestalterische Richtlinien für das gesamte Haus zu erstellen und darauf aufbauend das Farbund Materialkonzept für die Leitstelle II zu realisieren. Ein wesentlicher Aspekt war dabei, mit der räumlichen Gestaltung die Grundwerte des Hauses visuell sichtbar zu machen: Klarheit, Wertigkeit, Ehrlichkeit. Gleichzeitig sollte die Leitstelle II wie eine moderne Facharztpraxis wirken. Entscheidend war in der Planung die Frage, wie sich eine klare Trennung von Flurbereichen und Wartezonen mit einem luftigen, freundlichen Sichtschutz erreichen lässt. Lebende Pflanzen sind im Klinikbereich schwierig: Erde kann aus Hygienevorgaben nicht verwendet werden und Alternativen wie z. B. Hydrokultur würden zusätzliche Arbeit für das ohnehin ausgelastete Personal bedeuten.

Die Lösung: Pflanztröge, bestückt mit Mitsumata. Mitsumata sind getrocknete Zweige einesjapanischen Papierbusches, die natürlich, hell und luftig wirken. Um eine ruhige, freundliche Gesamtwirkung zu erreichen, wurden der Fußbodenbelag, die Beschichtung der Möbel und die getrockneten Zweige durch die Wahl des gleichen Farbtons in eine ruhige Einheit gebracht. Zudem ist darauf geachtet worden, für die Materialauswahl der Möblierung keine Materialimitate wie z.B. Holzdekor zu verwenden - eine Konsequenz aus der Grundhaltung des Hauses. Bereits beim Erstgespräch formulierten Pflegepersonal und Ärzteschaft den Wunsch nach einer freundlichen, einladenden Gesamtstimmung, die bereits beim Ankommen für die Angehörigen spürbar sein sollte. Durch die Teilbereiche A, Bund Cwar die stationsinterne Orientierung erschwert.

Zudem verlässt man das Wartezimmer an einer anderen Stelle, als es betreten wird (siehe Übersichtsplan). Dort sehen sich die Angehörigen einer Wand gegenüber. Bei der Erstbegehung war diese neutralweiß gestrichen. Die Idee einer Willkommenswand wurde geboren: Angehörige werden in ihrer jeweiligen Sprache mit einem Willkommen begrüßt. Unterschiedlich farbige Pfeile, kombiniert mit der jeweiligen Stationsbezeichnung, erleichtern zusätzlich die Orientierung. Die Farben setzen sich als Intarsien im Fußboden fort und werden als Beschichtungsfarbe der jeweiligen Stützpunkte der Abschnitte A, Bund Cerneut aufgegriffen. So erhielt jeder Stationsabschnitt seine eigene Erkennungsfarbe.

Die Rückmeldungen der Häuser, in denen ein Farbund Materialkonzept realisiert wurde, zeigen, dass eine stimmige Raumatmosphäre die Lebensqualität von Bewohnern/Patienten und ihren Angehörigen deutlich verbessert und die Arbeitsabläufe der Mitarbeiter optimiert: Aufenthaltsräume, die schlecht frequentiert waren, werden nun gut angenommen, das Vertauschen von Funktionsbereichen erleichtert Arbeitsabläufe und macht Wege überflüssig: Die Raumstimmung in einem Haus, auf einer Station, wird positiver wahrgenommen. Durch die enge Zusammenarbeit mit dem hausinternen Team hat eine Farbund Materialkonzeption auch Strukturen und deren Optimierung im Blick. Möchte man jedoch ein Sterben unter würdigen Bedingungen schaffen, ist Raumgestaltung nur ein Teil davon. Mindestens genau so wichtig ist die Begleitung der Menschen.

Dafür bedarf es eines Konzepts, das eine hospizliche Grundhaltung im Haus etabliert und auf die zwischenmenschlichen Begegnungen fokussiert. Räume und Menschen ergeben ein Ganzes. Wie sich solch eine „Organisationsstruktur Palliative Care“ gemeinsam erarbeiten und realisieren lässt, damit wird sich der Artikel in der nächsten Ausgabe befassen. Übergang Warten Stationsbereiche der Intensivstation 90 des Universitätsklinikums Regensburg Fotos: Universitätsklinikum Regensburg

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Eva Höschl

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Seiten 6–11