Burnout3|17

Wieviel Sterben und Tod ist aushaltbar?

Über Belastungen, Burn-in und Burnout-Prävention in Palliative Care.

5 minpp. 2426
Anmelden zum Merken
BurnoutPalliative CareSelbstpflegePflege
Im PDF lesenSeiten 24–26
Wieviel Sterben und Tod ist aushaltbar?

Wieviel Sterben und Tod ist aushaltbar?

Von Nadine Lexa

Trotz scheinbar idealer Arbeitsbedingungen steigen die Belastungen für das Personal stetig und somit auch für die ehrenamtlichen BegleiterInnen. Dies kann im schlimmsten Fall zu langen Ausfällen durch Burn-out Erkrankungen führen. BegleiterInnen, die in einem palliativen Setting arbeiten, stellen sich täglich großen Herausforderungen. Neben einer hohen Flexibilität, Sensibilität, Empathie und Kommunikationsfähigkeit müssen sich gerade BegleiterInnen im Palliativbereich fortwährend von einer Extremsituation auf die nächste einstellen. Dies verlangt sehr viel von den Pflegenden, meist mehr als diese den Betroffenen noch geben können. Gerade Pflegende und auch ehrenamtliche BegleiterInnen neigen quasi zu einem sozialen „Überengagement“ und einem gegen sich selbst rücksichtslosen Einsatz für moralische und sozial hohe Werte, (Hambrecht, 2011).

Dieses Verhalten kann auf Dauer zu Burn-out, einem „Ausbrennen“, führen. Hierfür muss aber zunächst einmal jemand zuvor vor Begeisterung „gebrannt“ haben, quasi ein „Burnin“ stattgefunden haben. Wenn sich jedoch negative Erfahrungen häufen, Hindernisse nicht weichen und die schwierige Realität, die vielleicht einmal in der Vergangenheit ideal war, sich nicht ändern, dann kann aus Freude schnell Frust, aus Hilfsbereitschaft schnell Spott und aus Zusammengehörigkeitsgefühl sogar Abneigung werden. Das Feuer der Leidenschaft hat Pflegende für die Arbeit mit schwerstkranken und sterbenden Menschen begeistert und darf diese auf Dauer nicht ausbrennen! Aus diesem Grund ist es wichtig, Anzeichen eines Burnouts und erhöhter Belastungsfaktoren sowie Möglichkeiten zur Prophylaxe zu kennen.

Die Betreuung von schwerstkranken und sterbenden Menschen kann in den Begleitern unterschiedliche Gefühle wie Traurigkeit, Schuld oder Angst hervorrufen, die verunsichern können. Aus diesem Grund ist ein reflektierter Umgang mit den eigenen Emotionen wichtig, um frühzeitig negative Veränderungen im Denken und Handeln festzustellen, um idealerweise frühzeitig gegen diese anzusteuern. Folgende Fragen können hierbei hilfreich sein: Von Nadine Lexa „Burn-in“ statt Burn-out Anzeichen eines Burnouts Darf ich mich so anrühren lassen? Müsste ich vielleicht abgestumpfter sein? Bin ich mittlerweile zu abgestumpft? Wieviel Sterben und Tod ist aushaltbar?

Mögliche Anzeichen eines Burnouts: Gedanken Emotionen Physische Veränderungen Verhalten Private und berufliche Beziehungen Negative Einstellung gegenüber Erneuerungen, unflexibel Gedrückte Stimmung Chronische Müdigkeit, körperliche Erschöpfung Benutzen von unpersönlichen und/oder abfälligen Ausdrücken gegenüber Patienten Vermeiden von Patientenkontakt mithilfe „vermeintlich“ wichtigerer Tätigkeiten Pessimismus Reizbarkeit, Anspannung, Nervosität Schlafstörungen Langsamkeit oder extreme Geschäftigkeit Rückzug aus privaten Kontakten (z.B. nicht mehr zu Hause ans Telefon gehen) Konzentrationsschwierigkeiten Innere Leere, Gefühllosigkeit Muskelverspannungen, Rückenschmerzen, Kopfschmerzen Häufi ge Abwesenheit von der Arbeit (wegen Krankheit) Misstrauen gegenüber anderen Zweifel am Sinn der Tätigkeit Ärger, Wut, Zorn (auf Kollegen, Vorgesetzte, Patienten und sich selbst) Gewichtszunahme oder Gewichtsabnahme Vermehrter Kaffeeoder Tabakkonsum, Alkohol oder Medikamentenmissbrauch Modifiziert nach Lang et al. in Lexa 2013 „Wichtig ist die Abgrenzung zum Leid des Anderen. Mir darf es auch nicht schlecht gehen, wenn es dem unmittelbar Betroffenen schlecht geht.“

Tendenziell neigen Menschen dazu, sich nicht aktiv mit ihren Problemen auseinanderzusetzen. Dieses Phänomen wird „Vermeidung“ genannt. Dauerhaft ist dieses Verhalten allerdings pathologisch. In einer palliativen Begleitung ist ein sensibler Umgang mit sich selbst und mit den Betroffenen sehr wichtig, um deren emotionale Bedürfnisse wahrnehmen und sich in ihre jeweilige Situation „einfühlen“ zu können. Andernfalls werden nur Sachaspekte in die Betreuung eingebracht und die Betroffenen erhalten nicht die Form der Begleitung, derer sie bedürfen, da die Begleiter an einem „cool-out“ leiden. BegleiterInnen in der Palliative Care sind vielschichtigen Belastungen ausgesetzt.

Neben zunehmenden körperlichen und seelischen Belastungen ist der Arbeitsalltag geprägt von Belegungsdruck, Personalmangel, kurzer Liegedauer und Zunahme der administrativen Tätigkeiten (vgl. Lexa, 2013). Für das Personal sind solche Entwicklungen sehr belastend. Eine Zunahme der Sterberate, eine hohe Fluktuation der Patienten und eine sehr aufwendige Pflege bringen die Pflegenden an die Grenze ihrer Arbeitskraft. Dies kann auch dazu führen, dass ehrenamtlichen BegleiterInnen unbewusst wenig Wertschätzung und Zeit entgegengebracht wird und diese dadurch frustriert sind. Beziehungsaufbau und deren Pflege ist unter solchen Bedingungen kaum möglich. Aus diesem Grund sind aber viele einst voller Leidenschaft angetreten, um sich der Versorgung schwerstkranker Menschen zu widmen.

Eine Mitarbeiterin einesstationären Hospizes drückt dies folgendermaßen aus: „Kaum hast du dich an ein neues Gesicht gewöhnt, da liegt schon ein anderer im Bett, da musst du ja aufpassen, dass du die Namen nicht verwechselst.“ Die häufige Konfrontation mit Tod und Sterben wird von den meisten Mitarbeitern nicht als belastend empfunden. „Death anddying do not emerge as a major source of jobstress in palliative care“ (van Staa et al. in Lexa, 2013). Zunehmende Belastungen können Mitarbeiter auf Dauer frustrieren und aus brennen. Aus diesem Grund ist es wichtig frühzeitig mit einer sinnvollen Selbstpflege wie beispielsweise einem Selbstpflegevertrag (vgl. Lexa, 2013), dem Einhalten der persönlichen Grenzen und Burnout-Prophylaxe zu beginnen.

Burnout in der Palliative Care ist bereits aktuell ein Thema und wird in Zukunft eine noch größere Bedeutung entwickeln, da das Gesundheitswesen und somit auch palliative und hospizliche Versorgungsstrukturen nicht von ökonomischen Entwicklungen und deren Folgen verschont bleiben. Deshalb ist es umso wichtiger, bereits präventiv der Entstehung von Burnout-Erkrankungen entgegen zu wirken. Dies gelingt nicht alleine durch die Teilnahme an Supervisionen, sondern obliegt ebenso der Eigenverantwortung des Einzelnen und den Arbeitsbedingungen seitens der Organisationen. Achtsamkeit und wertschätzender Umgang sollten folglich nicht nur den Schwerstkranken und deren Anund Zugehörigen entgegen gebracht werden, sondern auch den BegleiterInnen.

Aus diesem Grund wäre es wünschenswert, wenn Organisationen den Belastungssituationen von Mitarbeitern nicht gleichgültig gegenüber stünden, sondern entsprechende Schutzmaßnahmen träfen, um einem Auftreten von Krankheiten, die sich aus Belastungssituationen ergeben - wie beispielsweise Burnout - prophylaktisch entgegen zu wirken. Belastungen in der palliativen Arbeit Fazit Literatur: Hambrecht, M. (2011): Modediagnose mit ernstem Hintergrund. „Ich bin ausgebrannt.“ Praxis Palliative Care, 10: 22-23. Lexa, N. (2013): Burnout und Burnout Prävention in der Palliative Care. Bern: Huber Gesundheitsund Krankenpflegerin, MAS Palliative Care, Dozentin, Buchautorin, Fachjournalistin, Lehrbeauftragte, Verfahrenspflegerin nach dem Werdenfelser Weg und Herausgeberin der Buchreihe „Palliative Care für Einsteiger“. nadinelexa@gmail.com Nadine Lexa, MAS

Über den Autor

Nadine Lexa

Verwandte Artikel

Aus dieser Ausgabe

COLUMBA

3|17

Die dritte Ausgabe von COLUMBA 2017 widmet sich Lebens- und Sterbensraeumen, philosophischen Aspekten des Arztgespraechs, der Frage wie viel Sterben aushaltbar ist, Burnout-Praevention in der Palliative Care sowie Lebensstufen und spirituellen Impulsen.

Seiten 24–26