Akupressur in der palliativen Versorgung
Von Dorothee Wellens-Mücher
Trotz großer Fortschritte in der Behandlung von Palliativpatienten gibt es immer wieder Momente, in denen sich deren Symptome nur unbefriedigend regulieren lassen. Es kommt zu Situationen, in denen wir uns wünschen, dass es „noch etwas gibt“, wir noch etwas tun können. Das sind (spätestens) die Momente, in de nen komplementäre Verfahren wie zum Beispiel Aromapflege, Homöopathie, Wickel und Auflagen sowie die Akupres sur zum Einsatz kommen können. Die Akupressur bietet uns die Möglichkeit durch einfühlsamen Fingerdruck Einfluss auf das Qi, die Lebenskraft des Menschen, zu nehmen.
Ist dieses Qi in ausreichendem Maße vorhanden und kann es im Organismus unge stört fließen, folgen daraus nach den Lehren der ostasiatischen Medizin Gesundheit und Wohlbefinden. Auf grund jahrtausendlanger Erfahrung konnten bestimmte Punkte an der Körperoberfläche gefunden werden, die bei Behandlung mit Akupunktur und Akupressur jeweils unterschied liche Symptome durch Regulierung des Qi positiv beeinflussen können. Da bei schwerstkranken Menschen meis tens sehr kleine Anstöße ausreichen, um ein in dieser Situation mögliches Gleichgewicht zu finden, werden bei dem Konzept der „begleitenden Hän de“ die Punkte mit sehr einfühlsamem und geringem Druck stimuliert.
Dieses Konzept „begleitende Hände“ gehört zu der Methode Es hat sich in der onkologischen und palliativen Pflege entwickelt, wo es ein großes Bedürfnis nach ergänzenden, einfach und schnell anzuwendenden Punktkombinationen bei der Behand lung schwer zu regulierender Sympto me gibt. Hier sind insbesondere Angst, Unruhe, Schmerz und Atemnot, aber auch Obstipation, Schluckauf, Ödeme und Fieber zu nennen. Bei Angst und Unruhe reichen meist ein oder zwei Punkte aus, um Linde rung zu erzielen. Da die Anwendung für jeden leicht umzusetzen ist, wer den in der Praxis gerne Angehörige angeleitet. Die Hilflosigkeit, die An gehörige von schwerstkranken Men schen häufig empfinden, kann durch die Möglichkeit, Akupressur durchzu führen, zum Teil überwunden werden.
Da ein wesentlicher Aspekt der Aku pressur die einfühlsame und mitfüh lende Berührung ist, können auf die sem Wege Liebe und Zuneigung zum Ausdruck gebracht werden. Das Erle ben, dem Patienten wohl zu tun, wird besonders von Angehörigen oft dankbar angenommen. Nicht selten sind auch die Patienten selbst daran inter essiert, Punkte bei sich anzuwenden. Damit wird ihre Selbstwirksamkeit gestärkt und sie übernehmen für einen Teil der Symptomregulierung die Ver antwortung. Bei Symptomen wie Obsti pation, Fieber oder andauernder Atem not ist eine regelmäßige Durchführung der Akupressur erforderlich. Auch hier können die Angehörigen oder Patienten auf verschiedene Weisen mit einbezogen werden, um die notwendige Kontinuität zu erreichen. In manchen Situationen hat sich die Dauerstimulation von einzelnen Punk ten bewährt.
Besonders bei der Behand lung von zeitlich begrenzten Symp tomen wie medikamentenbedingter Übelkeit, Schlaflosigkeit, Alpträumen oder Reizhusten gibt es gute Ergeb nisse. Dabei wird der entsprechende Punkt ganz genau lokalisiert. Wie auch in der Ohrakupunktur üblich, wird ein kleines Samenkorn mit einem Pflaster auf den Punkt geklebt. Es gibt genaue Regeln, wie eine derartige Behandlung durchzuführen ist. Dabei werden wie der die Patienten oder deren Angehöri ge mit einbezogen. In einund weiterführenden Kursen kann das Konzept der „begleitenden Hände“ von allen Personen erlernt werden, die schwerkranke Menschen betreuen. Auch ehrenamtliche Mitar beiter und Ärzte können davon pro fitieren.
Besonders die Schulung der Mitarbeiter von Palliativstationen, Kin derund Erwachsenenhospizen, Al tenheimen und SAPV-Teams hat sich bewährt, um die Akupressur in deren Arbeitsbereichen zu integrieren. Dorothee Wellens-Mücher, geb. 1956 Altenpflegerin, Heilpraktikerin, studiert seit 1980 Akupressur und Qi Gong und unterrichtet seit 1985 in Akupressur. Sie gründete die Schule MediAkupress® und entwickelte das Konzept „Begleitende Hände“. Buchveröffentlichung: „Akupressur in Pflege und Betreuung“ Kohlhammer Verlag ISBN 978-3-17-030110-8 www.mediakupress.de

