Kommunikation3|17

Idiolektik und methodischer Immoralismus

Begegnungen ohne Wenn und Aber in Palliative Care und Seelsorge.

3 minpp. 1213
Anmelden zum Merken
Im PDF lesenSeiten 12–13
Idiolektik und methodischer Immoralismus

Idiolektik und methodischer Immoralismus

Von Dr. Hans Hermann Ehrat

Definition „methodischer Immoralismus“ nach E. Drewermann: Psychotherapeuten („Seelsorger“, so die Übersetzung dieses Wortes aus dem Griechischen) schaffen für ihre Gesprächspartner Situationen, wie sie im alten Testament beschrieben werden: Menschen gehen in den Tempel, finden dort Asyl und können sein, wie sie wirklich sind. Mit dieser bildhaften Umschreibung der Position und Haltung von Therapeuten wird deutlich, was „Seelsorge“ im wahrsten Sinne des Wortes ist: Wir befinden uns in einem Bereich, in dem Begegnungen nicht von üblichen moralischen Mustern und Bewertungen geleitet sind – es sind Begegnungen, getragen von der Überzeugung der Einzigartigkeit eines jeden Menschen, und dies "ohne Wenn und Aber".

Dieses "ohne Wenn und Aber" ist Ausdruck bewusst gelebter Liebe. Dieses "ohne Wenn und Aber" bewirkt Respekt und Achtung vor jedem Menschen, mit dem ich gerade jetzt zu tun habe, der vielleicht auch meine Hilfe braucht.Dieses "ohne Wenn und Aber" liegt abseits aller Konditionierungen, unter denen wir – ungewollt – immer wieder stehen und auch leiden. Unser Lebensraum sehnt sich nach der Weite dieser Haltung, weil nur eine solche Bedingungslosigkeit Wert in Begegnungen bringt. Wunderbarerweise erleben Menschen, in dieser Gewissheit ruhend, ein rundum manifestes Glücksgefühl, ein Gefühl jenseits von gewohnten Wertmaßstäben und jenseits von „alltäglichen“ Beurteilungsgewohnheiten. "Ohne Wenn und Aber" verhindert gleichzeitig Macht und Machtmissbrauch – eine unabdingbare Voraussetzung im Verhältnis zwischen Ratsuchenden und Beratern.

"Ohne Wenn und Aber" anerkennt bedingungslos ein sich selbst organisierendes Prinzip, anerkennt die „innere Weisheit“ jedes Menschen. Diese „innere Weisheit“ weist uns den richtigen Platz in menschlichen Begegnungen zu. Sie ist bei jedem Menschen einzigartig, seine Lebenskraft, weil sie Ausdruck seiner Überlebenskonzepte ist. Unser Herz sehnt sich nach Anerkennung dieser, seiner „inneren Weisheit“. Unter dieser Anerkennung gestaltete menschliche Begegnungen führen in Bereiche einer (meiner) „heilen“ Welt. Diese Begegnungen tragen im sokratischen Sinne die Kraft der Mäeutik in sich: Es kann auf die Welt gebracht werden, was wunderbarerweise schon vorhanden ist, was einen Menschen ausmacht und was ihm hilft zu leben und vielleicht hilft zu sterben.

Die Begegnung mit der „inneren Weisheit“, das Geborenwerden meiner Einzigartigkeit sind der „Mantel“, der mich schützend umhüllt, der mir Geborgenheit gibt, mich stärkt und nachhaltig begleitet. Idiolektische Dialoge führen, bedingt durch eine puristisch angewendete Technik, zu diesem beglückenden Erleben. In Seminaren zu Palliative Care wird immer deutlicher, wie wichtig, wie wesentlich eine in diese Richtung professionalisierte Interviewtechnik wird. Dabei geht es um eine (vordergründig) einfach erlernbare Gesprächstechnik. Und gerade ihre Schlichtheit weckt immer wieder Zweifel an der Richtigkeit und Gültigkeit idiolektischer Grundsätze. Vertrauen in diese „neue“ Interviewform kann aber nur durch praktisches Training erworben werden.

Die Palliativakademien in Würzburg und Bamberg haben Ausbildungsveranstaltungen zum Thema Idiolektik in ihre Ausbildungsprogramme eingeführt: Die Resultate sind ermutigend: Sie motivieren Teilnehmer und Ausbilder, die gewonnenen Erkenntnisse und die resultierenden Hilfestellungen gerade im Alltag von Palliative Care weiterzuentwickeln. Gleichzeitig hilft Idiolektik den Anwendern in permanenter Präsenz die „richtige“ Distanz zu halten, was in vielen Situationen äußerst hilfreich sein kann. So wird Idiolektik zum Königsweg der Kommunikation. Vertreter der Idiolektik, der Lehre der Eigensprache. Dr. med. Hans Hermann Ehrat

Verwandte Artikel

Aus dieser Ausgabe

COLUMBA

3|17

Die dritte Ausgabe von COLUMBA 2017 widmet sich Lebens- und Sterbensraeumen, philosophischen Aspekten des Arztgespraechs, der Frage wie viel Sterben aushaltbar ist, Burnout-Praevention in der Palliative Care sowie Lebensstufen und spirituellen Impulsen.

Seiten 12–13