Tropfen, die ins Nichts fallen
Ich schreibe diesen Text aus einem Kloster, in das ich mich für ein paar Tage zurückgezogen habe, um über den Sinn des Lebens und das Rauschen der Welt nachzudenken. Das Gelände ist ein in sich geschlossener Lebensraum. An allen vier Seiten begrenzt von den Gebäuden, die es zum Klosterleben braucht. Eine große weit geöffnete Einfahrt ruft zurück in das normale Leben, zurück an die laute Durchfahrtsstraße, an der neben einem großen Supermarkt auch ein Fast-Food-Restaurant liegt. Ich drehe mich um, so dass ich die Ausfahrt, die Einfahrt – es kommt immer auf den Blickwinkel an – nicht mehr sehen kann. Die Welt da draußen bleibt an diesem Wochenende die Welt da draußen. Ich bin hier und versuche jeden Gedanken, der nicht hierhergehört, zu unterbinden. Doch die Gedanken sind frei.
Gleich nach meiner Ankunft hier bin ich in den Klosterladen gegangen, als gäbe es nichts Wichtigeres als Dinge einzukaufen, als noch mehr in Besitz zu nehmen, dessen man nicht Herr werden kann. Ich begrüße die Nonne hinter dem Tresen höflich und fürchte, dass sie qua ihrer Ausbildung sofort in meine Seele schauen kann. Also krieche ich sogleich in die hintersten Ecken und lese Buchklappentexte über Erscheinungen, Nonnen und den Papst. Das Wort Gottes Von Juliane Uhl ist zu einer Bibliothek geworden, man wird nie fertig werden mit dem Lesen. Doch wenn man immer nur liest und von außen die Fakten und Geschichten aufnimmt, wird man keine Zeit haben, um das Innere zu leben. Auch wenn ich fast süchtig nach Büchern bin, habe ich mich entschlossen nur noch nach leeren Seiten Ausschau zu halten.
Notizbücher für meine Gedanken, es wird Zeit vom Konsumenten zum Erschaffer zu werden. Doch selbst zu viele Notizbücher lenken mich ab, denn jedes leere Buch ist wie ein neuer möglicher Anfang. Wer immer nur anfängt, beendet nicht und entwickelt sich nicht.
Nach dem Ladenbesuch, bei dem ich nichts gekauft, mein Wiederkommen aber beteuert habe, setze ich mich auf die Holzbank neben dem Denkmal zurmodernen Frauenfürsorge und frage mich, was das sein soll. Die Frage lasse ich unbeantwortet. Ich nehme mein elektronisches Buch und lese den Thriller über die Verknüpfung von Geheimdiensten weiter. Die Lektüre desillusioniert mich schamlos, ich bin nicht in der Lage, etwas am Geschehen der Welt zu ändern. „Tun Sie etwas, mit all Ihrer Kraft!“ sagte die Dame, die ich gestern auf der Fahrt hierher kennenlernte, nachdem wir uns eine Stunde lang über den Lauf der Zeit und den Zustand der Welt unterhalten hatten. Etwas tun mit aller Kraft! – Was soll das sein, wie soll das gehen? Ein abgewetzter Lederball rollt mir vor die Füße, eine kleiner Junge mit dunklen Haaren schaut ihm hinterher und mir entgegen.
Er bleibt stehen und dreht sich zu seinem Freund um: „Ali!“, sagt er und etwas, das ich nicht verstehe. Scheinbar traut er sich nicht an mich heran. Ich stehe auf und schieße die Kugel zu den Jungs, lächle, unsicher. Der Große lacht mich an und sie spielen weiter. Was haben diese Kinder erlebt? Warum sind sie nun hier in einem Kloster in der Mitte Deutschlands? Wo ist ihr zu Hause? Gibt es das noch? Ich denke daran, wie vehement die westliche schnelle Welt die Mobilität der Menschen fordert. Aus beruflichen Gründen soll man überall hin gehen, Wurzeln haben keinen Wert mehr, Identität ist ergebnisoffen. Alles ist möglich. Die unbeschränkten Möglichkeiten bieten jedoch keine Orientierung. Woher wissen wir, welche Option wir wählen sollen, welchen Weg es sich zu gehen lohnt?
Jemand muss es uns sagen, denn den Bezug zu uns und unserem Bauchgefühl haben wir verloren. Also hören wir auf die Versprechen der Werbewelt, drehen uns um Geld, Macht und Karriere. Sind, weil wir kaufen. Die Glocken läuten und kündigen das Vespergebet an. Der Ausgang zur Welt treibt mich, die Glocken ziehen mich in die Kirche. Ich nehme auf einem der gerade ausgerichteten Stühle Platz, versteife mich – aus Unsicherheit und mit Respekt. Vor den Mauern der Kirche kreischen einige junge Mädchen vor Vergnügen. Sie fangen sich gegenseitig und setzen sich dann wieder, um mit ihren Smartphones Pokemons zu jagen. Als ich an ihnen vorbeiging, jammerten sie über die schlechte Leistung ihrer Akkus. Schöne neue Welt. Ich suche die alte Welt und warte hier auf etwas, irgendetwas, das mich bestärkt.
Acht Zisterzienserinnen laufen schlurfenden Fußes durch das Kirchenschiff und nehmen ihre Plätze ein. Zwei weitere Nonnen, scheinbar von einem anderen Orden, denn sie tragen dunkelblaue Kleider und weiße Hauben, nicht die schwarz-weiße Tracht, sitzen mit mir im Zuschauerraum. Ich orientiere mich an ihnen und stehe auf, wenn sie es tun, und setze mich, wenn sie wieder Platz nehmen. Ich beherrsche die Formen dieses Glaubens nicht, weiß nicht, wann ich was tun soll. Also bin ich respektvoller Zuhörer. Ab und an spreche ich eine Textzeile mit, um den Anschein von Zugehörigkeit zu erwecken. Sie beginnen zu singen, es ist mehr ein Sprechsingen. Ich verstehe kaum ein Wort. Von rechts nach links besingen sie den Altarbereich, wechseln sich ab, sitzen, stehen und verbeugen sich.
Der Klang ihrer Worte beschwört in mir das Bild einessyrischen Mädchens herauf, das einen Chlorgasanschlag zitternd überlebt hat. Ton und Bild verbinden sich in mir zu einem schmerzhaften Gefühl der Unfähigkeit, des Ausgeliefertseins. Als die Nonnen die Kirche verlassen haben, bleibe ich noch sitzen. Tränen treten mir aus den Augen, rollen bis zum Wangenknochen und stürzen in die Tiefe. Tropfen, die ins Nichts fallen. Wem hilft mein Weinen? Doch was kann ich tun, außer mein Gesicht in meinen eigenen Händen zu verstecken? Juliane Uhl, 36, Soziologin und Autorin, arbeitet in einem Krematorium und engagiert sich für die FUNUS Stiftung. Ihr Buch heißt "Drei Liter Tod" und erschien im August 2015. Uhl schreibt für die drunter&drüber – Das Magazin für Endlichkeitskultur und regelmäßig für die Columba.
Juliane Uhl lebt und arbeitet in Halle (Saale), ist verheiratet und hat zwei kleine Töchter. Juliane Uhl

