Kolumne2|16

Vom Arbeiten mit dem Tod

Und jeden Morgen, wenn ich aufstehe, ist er wieder da.

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Vom Arbeiten mit dem Tod

Vom Arbeiten mit dem Tod

Seit fünf Jahren arbeite ich nun mit diesem einen Thema, mit diesem Bereich des Lebens, den so viele von uns lieber unbesprochen lassen wollen. Seit einem halben Jahrzehnt stoße ich mit dem Finger immer wieder in die Wunde der Sterblichkeit, in einer Gesellschaft, die meint unsterblich zu sein. Mein Geschäft ist der Tod. Das hört sich zynisch an, provokant und auch anmaßend. All das ist es wahrscheinlich auch. Tagtäglich habe ich Särge und Urnen um mich und recherchiere zu Sterbenden und Toten in aller Welt und zu den neuesten Trends im Bestattungswesen. Immer wenn ich Zeit habe, lese ich außerdem wissenschaftliche Abhandlungen über das Sterben vor Publikum, den Tod in der Kunst oder alte Todeskulturen. Bald weise ich junge Studenten der Soziologie in das Thema ein. Der Tod ist überall in meinem Leben.

Er steht mit mir auf, sitzt neben mir im Bürostuhl und geht mit mir zu Bett. Doch macht mich das zu einer Fachfrau? Immer mal wieder wird mir genau das vorgeworfen, dass ich keine Fachfrau sei. Über den Tod reden dürfen demnach scheinbar nur Mediziner, Juristen, Philosophen und Angestellte der Kirchen, allenfalls noch der Bestatter, dem jedoch gern per se Profitgier unterstellt wird. Doch ist es wirklich so, dass nur die Spezialisten sich in diesem Thema auskennen, welches uns alle trifft, so sehr wir auch die Augen davor verschließen? Sollte nicht ein jeder Experte sein, was den Tod angeht? Wir alle werden sterben und diesem Fakt kann man sicher noch mit einiger Gelassenheit begegnen, da uns die Umstände unseres Tot-seins egal sein werden, wenn wir eben tot sind. Doch wir werden unsere Großeltern und Eltern, schlimmstenfalls unsere Kinder verabschieden und bestatten müssen.

So grauenvoll der Gedanke daran auch sein mag, wir werden diesen Erfahrungen besser begegnen können, wenn wir etwas über den Tod wissen, etwas mehr als das medial vermittelte Bild von Leid und schlechten Dienstleistern. Stellen Sie sich einmal vor, sie kaufen sich ein Auto für ca. 3.000 Euro. Niemals würden sie das tun, ohne zuvor in Erfahrung zu bringen, welche Marke verlässlich ist, ob der Wagen sicher und bequem ist, umweltverträglich vielleicht und ein guter Kauf. Wenn wir Menschen bestatten (lassen), findet diese Prüfung nicht so oft statt. So kommt es, dass wir in einer akuten Phase des Verlustes schwerwiegende Entscheidungen treffen, finanziell und gestalterisch. Denn eine Bestattung ist neben einem Kostenfaktor vor allem eines: Ein gestaltbarer Moment in unserem Leben, den wir wahrnehmen sollten.

Es geht dabei weniger darum teure Lebensendprodukte zu kaufen und aufzustellen, sondern vielmehr darum auch mit kleinen Mitteln einen angemessenen Abschied zu gewährleisten. Zünden Sie Kerzen an, lassen Sie Luftballons steigen, bemalen Sie den Sarg, werfen Sie anstelle von Erde Schokolade in das Grab (ja, das gab es schon in Erinnerung an einen Schokoladenliebhaber). Es ist erst einmal alles denkbar – im Rahmen der landesrechtlichen Bestattungsregeln. Machen Sie sich ein Bild von einer guten Bestattung und fordern Sie Ihren Dienstleister. Wir haben vor vielen Jahrzehnten die Versorgung unserer Toten aus der Hand gegeben, sie an Bestatter und Kirchen ausgelagert. Nun haben wir die Möglichkeit, uns etwas von dem zurück zu erobern, was Gesellschaft auch ausmacht – eine lebendige Totenund Trauerkultur.

Diese ist die Fortsetzung einer menschlichen Kultur, die auch für Kranke und Sterbende einen offenen Lebensraum gewährleistet. Von Juliane Uhl Soziologin und Autorin, arbeitet in einem Krematorium und engagiert sich für die FUNUS Stiftung. Ihr Büro heißt „Der tote Winkel“. Sie schreibt für die „drunter&drüber“– Das Magazin für Endlichkeitskultur und regelmäßig für die „Columba“. Juliane Uhl lebt und arbeitet in Halle (Saale), ist verheiratet und hat zwei kleine Töchter. Juliane Uhl Vom Arbeiten mit dem Tod

Über den Autor

Juliane Uhl

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Seiten 9–9