Von Dr. med. Hans Hermann Ehrat - Arzt für allgem. Medizin FMH / Psychotherapie IG
Die Methode der „idiolektischen Gesprächsführung“
Die außergewöhnliche Situation von Patienten auf Palliativstationen benötigt eine Gesprächsführungsform, die konventionelle, gewohnte Formen von Dialogen überschreitet.
Die Methode der „idiolektischen Gesprächsführung“ bietet eine hilfreiche Möglichkeit, dieser Forderung nachzukommen. Viele und vielgestaltige Situationen bei meiner Arbeit mit Pflegenden und mit Ärzten in solchen Einrichtungen, haben meine Überzeugung gefestigt, immer wieder auf „idiolektische Interviews“ zu bauen, weil mit dieser Methode dieser Gesprächsführungsform – bezogen auf die Eigensprache des Patienten – ein Zugang zum Patienten möglich wird, der sonst oft schwerlich zu schaffen ist. Beim Umgang mit der Eigensprache des Patienten eröffnet sich eine Möglichkeit, achtsam und respektvoll mit der oft aussichtslosen Lage der Betroffenen umzugehen. Dabei werden die üblichen Gesprächsmuster zu Gunsten einer innovativen Gesprächsführungsform – der idiolektischen – verlassen.
Bei dieser Gesprächsform handelt es sich nicht um den Versuch einer Problemlösung im rationalen Denken aristotelischer Prägung – es geht um Eingelassenheit in die vorgetragene Komplexität – zuhören nicht reden. Komplexität beinhaltet immer Mehrdeutigkeit. Es bestehen dabei individuelle, einzigartige Verknüpfungen verschiedenster Elemente. Richtig ist also nicht die objektivierbare Wirklichkeit, sondern die entstehende Fähigkeit, andere, neuartige Entdeckungen zu machen, die den Sprechenden befähigen, selbstständig oder durch selbstgewonnene Einsichten entscheidungs– und handlungsfähiger zu machen. Es gehtalso gar nicht um den Versuch, erwartete Antworten „herzustellen“. Wird dies trotzdem unternommen, ist die gefundene Lösung sehr oft mit der Person des Gesprächsleiters verbunden, orientiert sich an seinen eigenen Erfahrungen.
Das ist eine sehr anstrengende und wie später ausgeführt, oft auch eine unvollständige „Lösung“. Diese – früher als Ordination benannte „Sprechstunde“ – ließ zu, dass ein Experte, unter Umgehung der Kompetenz des Gesprächspartners, seinen Patienten mitteilte, wie eine bestehende Schwierigkeit am besten zu lösen sei. Die dabei entstehenden Beratungen sind selbstverständlich nicht einfach falsch – die Situation unheilbar Erkrankter verlangt aber, wie die Erfahrung zeigt, einen „anderen“ Zugang zurkomplexen Situation des Betroffenen. Es gilt hier zu klären, was diese Interviewform überhaupt ist und welche technischen Hilfsmittel notwendig sind, um eine solche und „ganz andere“ Gesprächsführung zu ermöglichen. Ausgangspunkt ist immer der Grundsatz der Einzigartigkeit jedes Menschen.
In seiner Einzigartigkeit spricht jeder Mensch eine einzigartige, eigene Sprache. Sind Begegnungen auf diesem Grundsatz basierend gestaltet, entstehen andere, eben eigene und auch einzigartige Gespräche, weil durch diese genannte Haltung die Würde und die Wirklichkeit eines Jeden deutlich wird, es entsteht Authentizität. Technisch werden dabei sogenannte „Schlüsselwörter“ als Gesprächsbezug verwendet. Diese Schlüsselwörter – sie werden von jedem Zuhörer wahrgenommen aber zu selten für wahr genommen – erschließen die Möglichkeit, Gespräche in der Eigensprache des Klienten zu führen. Diese Schlüsselwörter – sie sind immer der Ausgangpunkt einer Beziehung zwischen Sprechenden – fallen dem Zuhörer gewissermaßen zu, wenn bei ihm die notwendige Eingelassenheit besteht.
Diese Eingelassenheit hat etwas zu tun mit Gelassenheit und verlangt vom Zuhörer, seine Vorstellungen, seine Konzepte und seine Lösungen hintanzustellen. Dieser Umgang mit Schlüsselwörtern hilft, nicht primär am Inhaltlichen der vorgetragenen Problematik zu „haften“, für das Gelingen einer „echten“ Begegnung im übrigen eine conditio sine qua non, sondern ermöglicht vielmehr dem Sprechenden gewissermaßen aus dem „Aussenraum ganz persönlicher Erlebnisse“ einen freien Blick auf eigene, mögliche Lösungen zu gewinnen. Die Gestaltung solcher Gespräche gelingt umso besser, je deutlicher vor Augen steht, dass in jedem Menschen ein selbstorganisierendes Prinzip – bei D. Jonas als “innere Weisheit“ bezeichnet - besteht. Diese „innere Weisheit“ ist gemäß den Axiomen zur „idiolektischen Gesprächsführung“ die einzige Kraft, die hilft zu leben.
Sie hilft auch zu verstehen, dass Wirklichkeit und Wahrheit immer beim Sprechenden zu finden sind (sokratischer Optimismus), niemals beim Gesprächsleiter, beim Arzt. „Idiolektische Interviews“ schaffen die Möglichkeit, dieser „inneren Weisheit“ zu begegnen – der Weg dorthin wird gewissermaßen erschlossen. Angesichts dieser Tatsache entsteht zwischen den Gesprächspartner ein wunderbares Glücksgefühl der Unbekümmertheit, der Gelassenheit ohne „wenn und aber“. Der Überstieg aus „konventioneller Gesprächsführung“ in die idiolektische Form – erkommt gewissermaßen einem Paradigmenwechsel gleich – ermöglicht mit überraschender Leichtigkeit diese ganz andere Form der Begegnung zwischen Menschen.
Der Ausstieg aus konventioneller Gesprächsführungsform in das beschriebene Paradigma stellt für alle Berater eine große Herausforderung dar, weil herkömmliches medizinisches Denken und Handeln ganz anderen Leitlinien folgt. Dieser Ausstieg ist oft auch von verständlicher Angst vor Verlust von Autorität und Legitimation geprägt. Deshalb wird auch immer wieder das Phänomen beobachtet, wie Gesprächsleiter verständlicherweise Verbindung zwischen konventionellem Gesprächsansatz und idiolektischem Gesprächsansatz herzustellen versuchen, was meistens zu bedauerlichen gesprächstechnischen Schwierigkeiten führt.
Beispielgespräch
„Meine Ärzte haben mir gesagt, ich würde nicht mehr lange leben, ich solle mich darauf einrichten, alle anstehenden Fragen anzuschauen und alle notwendigen Entscheidungen zu treffen, vor allem diejenigen, die für meine Familie wichtig sein könnten und dabei auch festzuhalten, was geschehen soll, wenn ich nicht mehr da bin. So etwas ist leichter gesagt als getan, finde ich“.
Erinnern sie Dinge, die ihnen leicht gefallen sind? „Zusammen mit meiner Familie zu sein, vielleicht einen Ausflug zu machen, irgendwo zu wandern“.
Wo könnte das sein? Gibt es Orte, die sie besonders gerne mögen? „Ich bin sehr gerne an der Ostsee“.
Und was gefällt ihnen an der Ostsee? „Die unendliche Weite, die Natur, und ich sehe so gerne, wie die Wellen am Strand kommen und gehen. Ich habe dort viele Stunden verbracht und denke sehr gernedaran“.
Was fällt ihnen noch ein, wenn sie an diese Szene denken? „Ich spüre, wie eng und gut ich mit meiner Familie verbunden bin. Es gibt mir Kraft zu wissen, wie gut meine Kinder über mich denken und wie sie um mich besorgt sind“.
Das stelle ich mir wunderbar vor. Möchten sie noch etwas sagen? „Nein, ich danke für das Gespräch“.
Über die Wirkung einessolchen kurzen „paralogischen“ Gesprächs kann letztlich nur spekuliert werden. Auf alle Fälle haben wir uns in einem deutlich von Ressourcen geprägten Feld bewegt – wir haben es geschafft, dorthin zu kommen, wo die „Sonne scheint“. Natürlich hat sich an der Wirklichkeit nichts geändert. Die Patientin hat aber die wesentliche Brücke zur Erkenntnis gefunden, wie gut ihre Familie für sie sorgt und dass diesen Menschen wahrscheinlich sehr viel zugetraut werden kann. Der gefundene Anschluss an „andere“, innere Bilder kann Wirkung entfalten, die über den logischerweise erwarteten Lösungsmöglichkeiten liegen. Ohne Schwierigkeiten ist verständlich, dass in so gestalteten Begegnungen wesentlich andere Grundbedingungen herrschen. Es geht hier auch weit mehr als um Empathie. Der Umgang mit Schlüsselwörtern ermöglicht dem Gesprächsleiter im rilkeschen Sinne „fern zu bleiben“. „Ich will immer warnen und wehren: bleibt fern, die Dinge singen höre ich so gern. Ihr rührt sie an: sie sind starr und stumm – ihr bringt mir alle Dinge um.“ (Rilke)

