Vom Sterben zu Hause…
Der Tod und ich
Von Juliane Uhl
„Oh mein Gott“ sagen die meisten Freunde, wenn ich ihnen erzähle, dass ein Mensch in unserem Haus gestorben ist. „Wieso habt ihr das denn gemacht?“ fragen sie. Und ich sehe erstaunt in ihre Augen, spanne die Schultern an, strecke mein Rückgrat soweit in den Himmel wie es geht und antworte mit fester Stimme: „Weil wir es konnten!“
Es ist nun fünf Jahre her, dass wir meine Schwiegermutter und ihren Tumor in unser Wohnzimmer holten. Das wuchtige Pflegebett hatten wir neben einen großen Sessel gestellt, in einem Teil des Raumes, der etwas abgegrenzt war, so dass sie ein wenig Privatsphäre hatte. Ihre Sachen, zwei Hosen und drei Pullover, legten wir in den Fernsehschrank. Neben dem Bett gab es ein Regal für die Schokolade, die ich ihr immer hinstellte und die stets meine Tochter aß. Fünf Wochen konnten wir noch füreinander da sein.
Meine Schwiegermutter hat in dieser Zeit wieder gegessen, sie hat geschlafen, sie hat gelebt. Ihre Enkelin fuhr den ganzen Tag mit dem Pflegebett hoch und runter und sah sich Bücher an. Oma fuhr mit. Wir haben noch Wein getrunken, wir haben gelacht, ich habe ihr die Füße massiert. Wenn wir vergessen konnten, welch schwere Zeit uns bevorstehen würde, dann war alles ganz leicht. Vielleicht auch, weil wir wussten, dass es nicht lange andauern würde. Das SAPV-Team war jeden Tag Gast in unserem Haus und versorgte sie mit Schmerzmitteln und uns mit guten Worten. Die Ärzte und Pfleger überraschten und unterstützen uns vor allem durch ihre Ehrlichkeit. Von Beginn an machten sie uns klar, dass der Tod zu uns kommen würde. Sie erklärten uns was das bedeutet, was genau passiert, welche Funktionen sich abschalten und wie sich Sterben anhört.
Als meine Schwiegermutter begann stockend zu atmen und zu röcheln, konnten wir es ertragen. Wir hatten weniger Angst vor ihrem Ende. Sie dabei zu begleiten war eine sehr intuitive Angelegenheit, denn wir wussten einfach was zu tun war. Meine Schwiegermutter starb an einem Sonntagabend, zehn Minuten nach dem Ende des Krimis, im Haus ihres Sohnes, im Kreis ihrer Familie. Warum? Weil sie es konnte.

