Problemen ein anderes Gewicht geben
Der Frühling verspätet sich an diesem Schwabinger Nachmittag. Das Grau hängt dicht über den Köpfen, dumpfer Zigarettenrauch wird über den Asphalt gestreut als Bestätigung, der Einladung der Gastronomie auch nachzukommen. Herr Dr. Ehrat hat seinen Mantel auf die Bank ihm gegenüber gelegt und einen Cappuccino bestellt. "Mit Süßstoff", trägt er der Kellnerin auf, während er sie fest in den Blick nimmt. Im Theater würde man sagen, ermache dies mit Nachdruck. Die Frage, die zwischen ein paar Heißgetränken nun verhandelt werden soll, lautet: Wie kommuniziert jemand, dessen Aufgabe die Kommunikation ist?
Dr. med. Hans Hermann Ehrat ist Vertreter der Idiolektik, der Lehre der Eigensprache. Diese ist, wie es die Gesellschaft für Idiolektik und Gesprächsführung beschreibt, wie ein Fingerabdruck, den ein Menschseiner Kommunikation verleiht. Jetzt aber sitzt er vor seinem Cappuccino und wir arbeiten uns vom Groben ins Feine. "Es gehtgrundsätzlich darum, die Begegnung zwischen Menschen so zu gestalten, dass Gespräche möglich sind", sagt Dr. Ehrat. Sein Ton ist bedacht, seine Worte einfach, aber weit entfernt von Willkür. "Vollkommen unmöglich ist ein Gespräch nie." Ziel sei es, dass Kommunikation läuft. Denn wenn Kommunikation läuft, passiert etwas mit den Menschen. Das Schönste an dieser Methode sei, wenn der Gesprächspartner entdeckt, was ihm hilft zu leben.
Die Methode klingt, als ob sie verschiedene Dinge ausklammern möchte, gerade in existenziellen Situationen wie auf einer Palliativstation. "Viele Dinge sind ausgeklammert, aber sie laufen automatisch mit", antwortet Ehrat. "Ich kann über ein Problem sprechen oder ich kann neben das Problem treten und von dort darüber sprechen", erklärt er die Grundzüge des sogenannten paralogischen Interviews. Als Proband stelle man während des Gesprächs Verknüpfungen zu sich selbst her - so viele, wie es einem möglich sei.
Seit Anfang der 1970er Jahre war Dr. Hans Hermann Ehrat als Hausarzt im Schweizer Neuhausen am Rheinfall tätig, als sich ihm durch eine persönliche Begegnung mit dem Psychotherapeuten Adolphe David Jonas die Welt der Idiolektik eröffnete. Er schloss die Zusatzausbildung zum Psychotherapeuten ab und gründete 1985 mit Gleichgesinnten die Gesellschaft für Idiolektik und Gesprächsführung in Würzburg. Im deutschsprachigen Raum lehrte er fortan als Autor, Seminarleiter, Supervisor, Lehrtherapeut und Dozent eine idiolektische Gesprächsführung im medizinischen Alltag. Besonders in der Palliativmedizin werden diese Erkenntnisse zunehmend genutzt.
Ich frage nach gesellschaftlicher Relevanz. Schon im Kindergarten werde uns erzählt, was wir falsch machten, sagt Herr Dr. Ehrat. Negativität könne Macht herstellen, auch Machtmissbrauch. Normalerweise stellt er einfache, konkrete, öffnende Fragen. Diesmal aber soll er einen Katalog davon beantworten. "Ich glaube, Sie wollen mich knacken", sagt er, nimmt einen Schluck und grinst leicht verlegen. Ich frage ihn, ob er Sport mag. Mich interessiert, ob er Systemen von richtig und falsch, Sieg und Niederlage etwas abgewinnen kann.
Immer wieder hakt Ehrat nach, will genau wissen, wie und was ich mit einer Frage gemeint habe. In die Nesseln setzt sich dieser Schweizer nur selten; dafür kontrolliert erviel zu oft den Boden, auf dem ersteht. Als ich nach dem Warum frage, zuckt er zusammen. "Damit stellen Sie mich in eine Ecke", sagt er. In der Idiolektik zählt nicht, was gesagt wird, sondern wie es aufgenommen wird. "Es geht in der Idiolektik nicht um die rosaroten Gummibärchen", sagt Ehrat und lächelt. In der Idiolektik würden Begegnungen ermöglicht, Beziehungen entstünden - das sei beglückend. Die Fußpunkte dieser Beziehungen seien Schlüsselwörter. Schlüsselwörter sind Knotenpunkte von Situation und Geschichte, von Anamnese und Charakter. Sie sind nur deshalb Schlüsselwörter, weil sie auch mit dem Zuhörenden etwas zu tun haben. Ein guter Idiolektiker kennt deshalb zuerst sich selbst.
Was hat er über sich gelernt? "Ich habe gelernt, wie ich bin", sagt Ehrat. Und wie ist er? Er überlegt laut, ob er das sagen möchte. Es tut sich das Bild eines Menschen auf, der mit seiner Berufung verschmolzen ist.
Die Gesellschaft für Idiolektik beschreibt ein Ziel so: Der Klient soll erkennen und nutzen können, welche Signale erpermanent ausdrückt und aussendet, soweit dies aus seiner Sicht notwendig und nützlich ist. Er soll erfahren, dass er über eine innere Weisheit und gute Gründe für sein Verhalten verfügt. Dadurch könne Zutrauen in die eigenen Ressourcen entstehen.
Wir sprechen über Möglichkeiten und Erfolge der Idiolektik. Ehrat sagt, dass die Idiolektik es schwer habe, ihre Erfolge für sich zu reklamieren. Dann formuliert er ein Bild: "Wenn Sie ein großes Problem haben, können Sie mit den Menschen in das Problem hineingehen. Sie können aber auch daneben stehen, an einem Platz, an dem die Sonne scheint, und von dort aus hinschauen. Damit ist das Problem dasselbe und trotzdem kriegt es ein anderes Gewicht."
Ich kann mir das abstrakt vorstellen, im konkreten Fall tue ich mich schwer. "Soll ich Ihnen ehrlich sagen, was mir dazu einfällt?" fragt er. "Bitte." - "Sie sind zu jung", sagt er und lacht. Das trifft mich. Ein Journalist will nie als jung bezeichnet werden. Vielleicht ist die Idiolektik keine Kommunikationsstrategie, die erklärt, wie es geht, denke ich, sondern eine, die primär verhindert, wie es nicht geht.
Nach 90 Minuten und drei Kaffee mit Süßstoff stehen Herr Dr. Ehrat und ich vor dem Lokal und warten auf sein Taxi. "Ich freu mich jetzt richtig auf das Seminar", sagt der Idiolektiker. "Kann man die Idiolektik eigentlich abschalten?", frage ich zum Schluss. "Ich kann es nicht." Das kann man so sagen.

